Die Gewaltspirale und Dynamiken der häuslichen Gewalt

Häusliche Gewalt – nur bei den anderen?

Häusliche Gewalt und Gewalt in Beziehungen sind ein großes soziales Problem in Europa, das entgegen vieler Mythen unabhängig von der Herkunft, vom kulturellen Hintergrund und außerdem in allen sozialen Schichten passiert. Dabei gibt es eine Dynamik, in der sich Gewalt langsam aufbauen kann, um mit der Zeit immer häufiger und auch intensiver und damit gefährlicher zu werden: die Gewaltspirale.

Das Wissen um die Prozesse, die hier stattfinden, kann für Betroffene (aber auch für alle anderen!) hilfreich sein, um verstehen zu können, „wie das alles passieren konnte“.

Was ist die Gewaltspirale?

Sie beschreibt eine Art Kreislauf, in dem sich Gewalt entwickeln kann. Das passiert meist schleichend und verstärkt sich mit der Zeit. Am Anfang stehen sogar oft Verhaltensweisen, die fälschlicherweise als „romantisch“ gedeutet werden, zum Beispiel: Er schenkt ihr einen Überraschungsurlaub und hat schon alles gebucht, obwohl sie in dieser Zeit Tage mit ihren Freundinnen verbringen wollte, oder: Er schreibt ihr viele Nachrichten und möchte stets wissen, wo sie gerade ist und mit wem und sagt, dass er sich Sorgen macht, wenn er das nicht wissen würde.

Wendeltreppe schmal

In der Gewaltspirale gibt es einen Ablauf,
der in 3 Phasen eingeteilt wird:

1. Spannungsaufbau: Hier steigt die Anspannung in der Beziehung an, und Täter*innen werden reizbarer und impulsiver, kritisieren vermehrt und beleidigen (auch unterschwellig!) etc.

2. Akute Gewalt: In dieser Phase kommt es zu Gewaltausbrüchen. Das sind zum Beispiel verbale Übergriffe und Demütigungen, aber auch körperliche Gewalt wie Schlagen, Schubsen, Treten und natürlich auch sexuelle Gewalt.

3. Reue und Versöhnung, „Honeymoon-Phase“: Nach dem Gewaltausbruch präsentieren sich Täter*innen reuig. Sie bitten um Verzeihung und versprechen oft, dass so etwas nie wieder vorkommen würde.

Nach dieser Honeymoon-Phase folgt ein Spannungsaufbau. Der Kreislauf ist gestartet und kann Fahrt aufnehmen. Dabei dauern die Zeitabstände zwischen den Gewaltausbrüchen zu Beginn meist noch etwas länger und Gewaltbetroffene kommen glimpflich davon.

Aber: Dieser Kreislauf bzw. diese Spirale hat es in sich, denn die Abstände werden immer kürzer, außerdem werden die Ausbrüche dabei immer heftiger und somit auch gefährlicher.

Wie ist es möglich, die Gewaltspirale zu beenden?

Bewusstsein schaffen!

Für Betroffene ist oft ein erster Schritt die Erkenntnis, dass sie Gewalt erfahren. Dabei kann unter anderem das Wissen über die Gewaltspirale und Dynamiken der Gewalt helfen. Doch nicht nur für Betroffene, sondern für die gesamte Bevölkerung ist ein Bewusstsein wichtig. Wenn häusliche Gewalt gesellschaftlich ganz klar nicht toleriert wird und diese Themen auch öffentlich diskutiert werden, so kann das viel Positives bewirken.

Sicherheit planen!

Von gewaltbetroffenen Personen sowie von Menschen in deren Umfeld kann Sicherheit zum Teil geplant werden. Das geht zum Beispiel dadurch: Wichtige Dokumente sammeln und bei Nachbar*innen aufbewahren, sich durch ein Gewaltschutzzentrum beraten lassen, finden von Freund*innen und Angehörigen, die Gewaltbetroffene akut aufsuchen können, um bei ihnen in Sicherheit zu sein oder um von ihnen unterstützt zu werden, beispielsweise gemeinsam im Frauenhaus anzurufen.

Hilfe holen!

Menschen, die über verschiedene Hilfsangebote informiert sind, wissen schnell, wohin sie sich mit ihren Anliegen wenden können. Das gilt für Betroffene, Angehörige und mindestens genauso für Täter*innen. Wie schön es doch wäre, wenn alle Bescheid wüssten über Frauenhäuser, Gewaltschutzzentren, die Frauenhelpline, Täter*innenberatungen und weitere Angebote (und über deren Zuständigkeiten und Möglichkeiten). Ein Zeitpunkt, an dem Hilfsangebote am ehesten von Opfern angenommen werden können, ist direkt nach der 2. Phase, also nach dem Gewaltausbruch und noch bevor Täter*innen sich reuig zeigen.

Wissen aneignen!

Es kann Sicherheit geben, informiert zu sein über verschiedene Möglichkeiten:
– Es gibt in Österreich ein Betretungs- und Annäherungsverbot und einstweilige Verfügungen, die sehr wichtige Bausteine des Gewaltschutzgesetzes sind und Täter*innen verbieten, sich in der Nähe von Opfern aufzuhalten und Kontakt aufzunehmen.
– Hinter Drohungen von Täter*innen steckt oft „nichts“. Sie meinen zum Beispiel: „Ich werde die Kinder kriegen, weil du Antidepressiva nimmst! Wenn du mich verlässt, siehst du sie nie wieder!“. So einfach ist das nicht!
– Viele weitere Punkte können bei Beratungsangeboten besprochen und geklärt werden, welche in der Regel kostenlos sind und auch anonym in Anspruch genommen werden können.

Was lernen wir daraus?

Es gibt sie, die Möglichkeiten, aus gewaltvollen Beziehungen auszubrechen.

Manche schaffen das beim ersten Anlauf und andere brauchen dafür viele davon.

Immer fällt es leichter, wenn Betroffene nicht alleine sind und auch nicht alleine gelassen werden. Jemand, der einer betroffenen Person vermitteln kann, dass er auch beim 10. Versuch, eine gewaltvolle Beziehung zu beenden, angerufen werden kann und helfen wird, der kann Leben stark beeinflussen und auch retten.

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