Schuld und Sühne

Zur Aggression und Gewalt im Gesundheitsbereich

Wer von uns kennt das nicht?

Es gab einen verbalen oder physischen Übergriff einer Patientin bzw. eines Patienten und es stellt sich die Frage: Warum hat sie bzw. er das getan? Hat sie bzw. er was gegen mich? Habe ich etwas falsch getan? Bin ich schlecht in meinem Beruf, oder ist die Patientin bzw. der Patient böse? Was werden die Kolleginnen und Kollegen sagen? Ist es nicht auch so, dass solche Gedanken dazu führen, dass kleine Details einer Situation anders dargestellt werden, oder die Situation als Ganzes „heruntergespielt“ wird? Dadurch kann es geschafft werden die Schuld von einem selbst auf andere zu übertragen oder die Frage nach Fehler nicht aufkommen zu lassen.

Fakt ist, dass dies für die Gesamtsituation nicht förderlich ist. Für die Patientin bzw. den Patienten nicht, das Team nicht und für einen selbst schon gar nicht. Das eigene Gewissen wird trotzdem die bohrende Frage stellen – war ich nicht selbst schuld daran? Was war mein Beitrag? Gibt es meinerseits ein Fehlverhalten?

Was werden meine Kolleginnen/Kollegen dazu sagen?

Ist die Situation so weit eskaliert, dass ich sie nicht mehr wegschieben oder herunterspielen kann, dann passiert meist ein anderer Mechanismus – das Team übernimmt die Schuldsuche. Entweder trifft diese die Patientin bzw. den Patienten oder die bzw. den Betroffenen aus dem Betreuungsteam. Aussagen wie: ist ja immer das Gleiche, zu provokant, immer aggressiv, falsch im Beruf, keinen Respekt, einfach krank, und noch vieles mehr wird nun ins Feld geführt. Letztlich stellt sich die Frage: Wem bringt dies einen Nutzen?

Es kann einerseits dazu führen, dass das Behandlungsteam rigoroser gegen die Patientin bzw. den Patienten vorgeht und hier Konsequenzen setzt, oder es führt andererseits dazu, dass die Kollegin bzw. der Kollege zurechtgewiesen wird. Das bedeutet, dass es weder so noch so den Betroffenen etwas bringt. Außer, dass das Vertrauen verloren geht….

Für alle anderen bedeutet das aber, dass belastende Gedanken wegfallen. Ist eine Schuldige bzw. ein Schuldiger identifiziert, dann brauche ich mich nicht mehr darum zu kümmern, was ev. der eigene Anteil an der eskalierten Situation wäre. Ich brauche mich nicht mehr darum kümmern, der Sache auf den Grund zu gehen. Sich dem Ganzen analytisch und reflektiert anzunehmen wird oft gern vermieden, da Aggression und Gewalt immer noch ein Tabuthema ist. Und über Tabus wird nicht gern gesprochen. Da ist es leichter die Schuldige bzw. den Schuldigen zu bestrafen und gut ist es.

Habe ich dienstrechtliche Konsequenzen zu befürchten?

Dieses Prozedere machen sich auch Systeme im Gesundheitsbereich zu nutze. Das Management braucht nicht darüber nachzudenken, ob an der Infrastruktur, den Ressourcen, den Abläufen oder dem Personaleinsatz etwas nicht stimmt, sofern die Schuld beim Personal oder beim Klientel liegt. Darüber nachzudenken, ob es mit den oben genannten Dingen zu tun haben könnte, die in der Verantwortung des Managements liegen, würde auch bedeuten, dass die Verantwortlichen aus der Leitungsebene selbst eine Mitbeteiligung haben könnten, da zum Beispiel Schwächen im Personaleinsatz, oder in den Ablaufstrukturen gegeben sind. Das ist unangenehm und daher ist es leichter andere zu „beschuldigen“ die Misere verursacht zu haben.

Doch so muss es nicht sein. Wenn wir alle es schaffen, uns von der Schuldfrage, von Gut und Böse, von Falsch und Richtig, von Schwarz und Weiß zu verabschieden, können wir wertfrei auf die Situation blicken und versuchen zu identifizieren, wie es zu dem komplexen Ablauf kommen konnte, der letztlich zur Eskalation geführt hat. Wenn ich mich nicht fragen muss, ob ich Schuld habe, dann wird es auch möglich, anders auf meine gesetzten Handlungen zu blicken. Es ermöglicht auch ein offenes Gespräch mit der Patientin bzw. dem Patienten, da sich die Opfer/Täter Systematik auflöst. Wir nutzen die Chance wieder in Kontakt zu treten, die Bearbeitung der Situation und im besten Fall deren Auflösung. Dies schafft gegenseitiges Vertrauen und kann so wieder zur Stärkung der professionellen Beziehung beitragen.

Wie fange ich an darüber zu reden?

Zu Beginn ist das meist schwierig. Am leichtesten ist es, sich Hilfe von Außenstehenden zu holen, die bei dem Prozess begleiten. Auch Schulungen in Deeskalation können dabei unterstützen, Sichtweisen die schuldbehaftet sind, aufzulösen. Es werden verschiedene Modelle präsentiert, die dabei unterstützen, Situationen im Nachhinein aufzulösen. Erfahrungen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern zeigen, dass diese Modelle sehr praxistauglich sind.

Einmal damit begonnen, die Dinge anders zu sehen, wirst Du merken, wie schnell sich Probleme auflösen können und wie sehr die Konflikte zur Weiterentwicklung der professionellen Beziehung zu der Patientin bzw. dem Patienten, des Teams und letztlich auch von Dir selbst führen werden!

Dir macht das Spaß und Du fühlst dich in Bezug auf Deeskalation zu „Höherem“ berufen? Dann bilde Dich doch weiter und werde selbst zur Trainerin und Beraterin, bzw. zum Trainer und Berater für Sicherheitsmanagement und Deeskalation. Hier findest Du mehr Infos dazu!

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Zum Autor

Alexander Karlin ist Trainer für Sicherheits- und Deeskalationsmanagement. Er arbeitet derzeit als Lehrer für GuKP in den GuKP Schulen Kirchdorf und Steyr. Er steht jederzeit für Fragen und Informationen zur Verfügung.