Schutzfixierungen bei Kindern unter 12 Jahren im psychiatrischen Setting

Ist das ethisch vertretbar?

Kennen Sie den Film „Systemsprenger“?

Als arbeitende Sozialpädagogin in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie empfinde ich, dass das Bild der neunjährigen „Benni“ im Film „Systemsprenger“ schwer auszuhalten ist. Ein neunjähriges Mädchen ist deutlich zu jung für eine Schutzfixierung. Wieso? Diese Art der Zwangsmaßnahme ist meiner Meinung nach keine Alternative für Kinder unter 12 Jahren. Mitunter hört man jedoch, dass dies schon in manchen Einrichtungen vorgekommen sein soll.

Warum werden Kinder schutzfixiert?

Ich vertrete die Meinung, dass Kinder alles machen dürfen, ohne in dieser traumatischen Freiheitsbeschränkung (Schutzfixierung) zu landen. Auch wenn die herausfordernden Verhaltensweisen mit einer akuten Selbst- und Fremdgefährdung einhergehen, ist die Auseinandersetzung mit dem Verhalten in Form von ständigem Beziehungsangebot, wenn nötig auch mit körperlicher oder räumlicher Beschränkung, von größter Wichtigkeit. Das Kind muss spüren, dass es nicht alleine gelassen wird. Das geschulte Gegenüber sollte diesen Prozess aushalten können und nach einem Aggressionsereignis – sowohl Fremd- als auch Selbstaggression – darauf achten, dass ein Kind keinen weiteren Beziehungsabbruch erlebt.

Traumatisierte Kinder

Die meisten Kinder (unter 12 Jahren) mit solch herausfordernden Verhaltensweisen, haben meist schon selbst Traumatisierungen erlebt. Als zusätzlicher Faktor ist des Öfteren auch eine Beziehungsunsicherheit bei Kindern gegeben, welche vermutlich mit einer Bindungsstörung einhergeht.

Ständiges Kontaktangebot ist wichtig

Darum ist das ständige Kontaktangebot mit einer durchgehenden halt- und sicherheitsgebenden Struktur bzw. Beziehung unerlässlich. Kinder versuchen durch ihr Verhalten Bekanntes wieder hervorzurufen. Warum? Kinder fühlen sich dadurch sicher. Sie wissen was zu tun ist, um das bekannte Beziehungsmuster hervorzurufen. Wenn das Kind die einzig erlebte Beziehung über Provokation und Aggression herstellt, um bemerkt zu werden, dann ist dieser Kontakt besser als gar keiner. In Gruppen wird dies so ähnlich beobachtet: Rollen werden verteilt – von Alpha bis Omega. Wenn die beliebten Rollen bereits vergeben sind, ist die Rolle des „Omegas“ (z.B. Unruhestifter) immer noch besser als gar keine. Ziel ist dann natürlich, dem Kind die Sicherheit und Beziehung zu bieten, um Interaktion auch anders gestalten und erleben zu können.

Kinder benötigen hierbei natürlich auch „Grenzen“, um eine gesunde Art von Beziehung herstellen zu können. Grenzen vom Gegenüber wahrnehmen und respektieren zu können, muss auch gelernt sein.

Zwei wichtige Aspekte in der Beziehungsgestaltung mit Kindern:

Einerseits soll ein Kind so viele „Flügel“ (Freiraum) wie möglich bekommen, andererseits einen geschützten vorgegebenen Rahmen vorgelebt bekommen und auch erhalten, um sich darin sicher bewegen zu können. Erst wenn ein Kind den Rahmen kennt, ist ein freies Spiel überhaupt möglich. Laissez-faire Pädagogik setzt sich mit dem Kind zu wenig auseinander und vermittelt durch zu wenig Resonanz kein Interesse an dem Kind.

Nachbesprechung, Reflexion und Mitsprache

Eine Schutzfixierung bei Kindern wäre somit nur eine akute Problemlösung, jedoch hat diese Beschränkung keinen positiven Effekt für die weitere Behandlung. In der Arbeit mit Kindern sind daher Nachbesprechungen und Reflexionen sehr wichtig, um den Kreislauf des schwierigen Verhaltensmusters zu durchbrechen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass man Kinder mitreden lassen sollte. Meist weiß das Kind selbst, was es benötigt, um sich auf etwas einlassen zu können. Somit sieht und spürt das Kind, dass es wahrgenommen wird. Es wird gesehen, es wird gehört und man interessiert sich für das Kind.

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Zum Autor

Ingrid Trausnitz ist Sozialpädagogin und arbeitet in der Kinder-und Jugendpsychiatrie in Tulln. Ingrid steht jederzeit für Fragen und Informationen zur Verfügung.