Das Netzbett

Eine Erinnerung an die Zukunft? Teil 1

Es gab einmal ein Netzbett….

Am 27. September 2018 wurde beim 15. Dreiländerkongress Psychiatrische Krankenpflege in Wien eine Schweizer Studie über die „Einschätzung von Zwangsmaßnahmen in der psychiatrischen Behandlung durch Patienten*innen, Angehörige und Fachpersonen“ vorgestellt. Die Ablehnung der sogenannten Netzbetten als Zwangsmaßnahme war „am deutlichsten“, obwohl zu jener Zeit Netzbetten in der Schweiz nicht verwendet wurden und die Referentin auch nicht erklären konnte, wie ein solches Bett überhaupt aussieht.

Als am 24.1.2018 beim Kongress „Brücken Bauen – Symposium zur Vernetzung der psychiatrischen Pflege in Wien“ eine bekannte österreichische Psychiaterin erklärte, sie würde, falls notwendig, viel lieber in einem Netzbett beschränkt werden als durch Fixiergurte, applaudierten etwa 100 psychiatrische Pflegepersonen.

Geschichte

Netzbetten wurden mehr als 100 Jahren als Maßnahme in der österreichischen Psychiatrie verwendet. Trotzdem war die Literatur und die wissenschaftliche Aufarbeitung relativ gering; es gab viele Meinungen über, aber kaum Untersuchungen zum Thema. Es wurde sogar davon gesprochen, dass das in Wien verwendete Netzbett ein Kuriosum sei, dass die Pflegenden, die es verwenden, für die schonendste Methode des Zwangs halten. Mit 1. Juli 2015 wurden, per Erlass des Bundesministeriums für Gesundheit, Netzbetten in Österreich verboten.

Netzbett

Definition

Ein Netzbett, auch psychiatrisches Intensivbett (kurz PIB) genannt, ist ein Krankenhausbett, über dem ein Metallgerüst mit Netz angebracht ist. Es kann verschlossen werden, Patient*innen können ein versperrtes Bett nicht verlassen.

Indikation

Frau schaut gestresst

Es gibt keine Studie die explizit auf eine besondere Indikation der Verwendung der Psychiatrischen Intensivbetten im Vergleich zu anderen Zwangsmaßnahmen Bezug nimmt. In der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde wird aber beschrieben, dass mit dem Verbot in Slowenien ein Prä-Post-Vergleich gemacht wurde: Fixierte Patient*innen waren psychopathologisch schwerer beeinträchtigt und der Anlass der Fixierung war oft Gewalttätigkeiten bei Schizophrenie, während das Netzbett häufiger bei Delirien angewandt wurde.

Insgesamt kam es in Slowenien durch das Verbot zu einer Reduktion von Zwangsmaßnahmen.

Aspekte bei der Anwendung

International wurde die Anwendung von Netzbetten meist sehr vehement abgelehnt. Der Verein „Mental Disability Advocacy Center“ beschreibt das PIB als „inhuman and degrading treatment or punishment“ und „as defined by the European Court of Human Rights: ill-treatment which arouses in the victim feelings of fear, anguish and inferiority, capable of humiliation and debasement and possibly breaking physical or moral resistance”. Berichtet wird auch, dass es für Betrachter*innen ein sehr beklemmendes Gefühl ist und dass sich Vergleiche mit Käfigen auftun.

Daneben gab es aber auch die Meinung, dass Netzbetten einige Vorteile besitzen: Im Gegensatz zur Fixierung existierte doch eine gewisse, wenn auch eingeschränkte, Bewegungsfreiheit, und im Gegensatz zur Isolierung ist ein begleitender Kontakt möglich. Weiters konnten Patient*innen sich selbst mit einer Trinkflasche versorgen, lagerungsbedingte Pneumonien wurden vermindert und Attacken durch Mitpatient*innen, wie z.B. die Gabe von Nahrungsmittel und eine dadurch herbeigeführte Aspiration, verhindert.

Reaktionen von Patient*innen

Patient*innen schienen gegenüber der Anwendung von Netzbetten teilweise recht aufgeschlossen zu sein. So meinte die Patient*innen-Initiative „Kuckucksnest“, dass ein Verbot von „Gitterbetten“ eine Verschlechterung der Situation von Patient*innen auf den Stationen zur Folge habe: Es komme zur Zunahme von 5-Punkt-Fixierungen, die in der Regel als quälender erlebt werden, weiters würden bei Fixierungen vermehrt Inkontinenzprodukte angelegt.

Würden die Betroffenen nach ihrer Präferenz gefragt, würden fast alle, wenn es nötig wäre, das Netzbett einer Fesselung vorziehen.

Ketten um Arme

Komplikationen

Auch hier gibt es keine Studien. Berichtet wird, dass drei Menschen in Netzbetten verstorben seien (?) und dass ein Mädchen durch eine heruntergefallene Metallstange verletzt worden wäre. In Einzelfällen seien Patient*innen auch monate- und jahrelang eingeschlossen „und nicht einmal auf die Toilette gelassen“ worden.

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