Gewalt in Krankenhausambulanzen: Ein wachsendes Problem
Autorin: Verena Obermüller
Zahlen, die aufrütteln
In österreichischen Krankenhausambulanzen ist ein alarmierender Trend zu beobachten: Die Zahl der gewalttätigen Übergriffe auf medizinisches Personal steigt kontinuierlich. Was früher als Ausnahme galt, gehört heute für viele Pflegekräfte und Ärzt*innen zum Alltag. Ob verbale Beleidigungen, Drohungen oder gar körperliche Attacken – Gewalt ist in der Notaufnahme längst kein Einzelfall mehr.
So wurde zum Beispiel in Oberösterreich eine sehr erschreckende Zahl erhoben. Hier berichten knapp 80 % der Mitarbeiter*innen von Krankenhäusern, psychiatrischen Einrichtungen und Geriatriezentren in den vergangenen 12 Monaten über verbale Übergriffe.
(Quelle: orf.at)
Wer ist betroffen und wie äußert sich Gewalt?
Besonders betroffen sind Ambulanzen, da sie rund um die Uhr offenstehen und häufig erste Anlaufstelle in akuten Notlagen sind – nicht selten unter starkem emotionalem oder sozialem Druck der Patient*innen. Leider ist hier mit einer hohen Dunkelziffer zu rechnen – nicht alle Vorfälle werden gemeldet oder registriert. Manche sehen es auch einfach als „Teil des Jobs“ an.
Laut Studien sind vor allem Pflegekräfte besonders stark betroffen, aber auch Ärzt*innen und anderes Gesundheitspersonal erleben häufig Aggression oder Gewalt.
So sind die Mehrheit der Gewaltereignisse verbale Angriffe wie Beleidigungen, Beschimpfungen oder Drohungen. Leider kommen aber auch psychische Gewalt und in manchen Fällen sogar physische Aggression mit Gegenständen oder Körperverletzung vor. Körperliche Gewalt ist jedenfalls seltener, aber doch häufig genug, dass kein*e Betroffene*r ein „Einzelfall“ ist.
Manchmal sind die Auswirkungen auf das Personal so stark, dass dies sogar das Privatleben beeinträchtigt und die Pflegepersonen unter Stress, Angst, Burnout aber auch physischen Schäden leiden.
Was kann Österreich tun?
Es gibt bereits eine Reihe von Maßnahmen und Projekten, die versuchen, die Gewalt in Krankenhäusern zu reduzieren, wie zum Beispiel: Das „gewaltfreie Krankenhaus“ der Oberösterreichischen Gesundheitsholding hat das Ziel eine Eskalation frühzeitig zu erkennen und diese auch zu verhindern. Natürlich gibt es auch Notfallknöpfe oder andere Alarmsysteme. Ebenso wird zunehmend auf eine bessere Raumgestaltung geachtet, hier sind unter anderem breite Gänge oder lichtdurchflutete Räume zu erwähnen. Nicht zu vergessen sind hier die Deeskalationstrainings von NAGS zertifizierten Trainer*innen, die eine maßgebliche Rolle spielen.

Es gibt großes Verbesserungspotential
- Viele Vorfälle werden nach wie vor nicht gemeldet und nicht dokumentiert. Ohne verlässliche Daten, bleibt die Dimension des Problems unterschätzt. So können hier regelmäßige Befragungen (auch durch anonymisierte Meldesysteme) Abhilfe schaffen.
- Aufgrund der derzeitigen angespannten Situation des gesamten Gesundheitssystems in Österreich kommt es vermehrt zu längeren Wartezeiten in allen Bereichen – hierbei ist die Politik gefragt. Es bedarf besserer Abläufe, mehr Personal zur Entlastung, angemessener und ausreichender Räumlichkeiten, etc. Zusätzlich bedarf es guter Information von Seiten des Personals an die Patient*innen bezüglich Wartezeiten und allgemeiner Abläufe in einem Spital. So können Wartezeiten minimiert und auch das Gewalt- und Aggressionspotential reduziert werden.
- Die Deeskalationstrainings sind leider in vielen Spitälern noch nicht angekommen. Sie sind meiner Meinung nach ein wichtiges Instrument zur Eindämmung und Erkennung der Aggression.
- Vielleicht würden Zutrittskontrollen und ein Sicherheitsdienst positives zur Minimierung von Aggression und Gewalt beitragen. Durch diese Maßnahme fühlt sich bestimmt auch das Personal sicherer.
- Die Wichtigkeit der Nachsorge und entsprechender Unterstützungsangebote nach Gewaltereignissen sind nicht zu unterschätzen und dürfen auf keinen Fall vergessen werden. Es muss Raum geschaffen werden für einen gegenseitigen Austausch, professionelle Supervisionen und auch psychologische Nachbetreuung. Die Betroffenen dürfen sich auf keinen Fall isoliert und stigmatisiert fühlen.
Fazit
Gewalt in Spitalsambulanzen in Österreich ist kein Randphänomen, sondern betrifft viele Mitarbeiter*innen – verbal, psychisch und physisch. Die Ursachen sind komplex: Stresssituation, Personalmangel, Kommunikationsprobleme und strukturelle Defizite spielen zusammen. Es gibt bereits verschiedene Initiativen und Maßnahmen, doch das Problem wird nur dann nachhaltig gelöst, wenn es auf mehreren Ebenen angegangen wird: Organisation, Personalpolitik, Recht, Räumlichkeit, Kommunikation und Unterstützung.
Es geht nicht nur darum, die Arbeitsbedingungen für das Gesundheitspersonal zu verbessern – sondern auch um die Qualität der medizinischen Versorgung insgesamt. Wenn Mitarbeitende sich sicher und wertgeschätzt fühlen, können sie besser für Patient*innen da sein. Gewalt darf kein Teil des Jobs werden.
Weiterführende Artikel
Kintsugi – wenn Narben Gold tragen
Die japanische Kunst Kintsugi lehrt, wie schön es sein kann, wenn Verletzungen mutig gezeigt werden und dadurch Wachstum entsteht.
Der Einfluss der kindlichen Bindung auf Beziehungsverhalten im Erwachsenenalter
Die kindliche Bindung zu primären Bezugspersonen beeinflusst das Bindungsverhalten bis ins Erwachsenenalter maßgeblich.
Das Konzept der neuen Autorität
Der Fokus der neuen Autorität liegt auf Respekt, Selbstreflexion und Förderung eines kooperativen Miteinanders.
Neue Artikel - Direkt per Mail
Unser Team verfasst regelmässig neue Fachartikel zum Thema Deeskalation und Aggressionsmanagement. Wir benachrichtigen Sie gerne per E-Mail über neue Beiträge.


