Implementierung eines Schulungskonzeptes zum Thema „Deeskalations- und Sicherheitsmanagement“

an einer niederösterreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeschule.

Verordnung des Bundesministeriums

Am 31. Oktober 2016, wurde die 301. Verordnung der Bundesministerin für Gesundheit und Frauen über Ausbildung und Qualifikationsprofile der Pflegeassistenzberufe (Pflegeassistenzberufe-Ausbildungsverordnung – PA-PFA-AV) ausgegeben. In dieser Verordnung wird im Qualifikationsprofil „Beziehungsgestaltung und Kommunikation“ der Pflegefachassistenz das Erkennen der Notwendigkeit von Entlastungs-, Deeskalations-, Konflikt- und Beschwerdegesprächen sowie das Setzen von Erstmaßnahmen, das Informieren von Vorgesetzten und das Suchen von Unterstützung durch fachkompetente Personen, von dieser neuen Berufsgruppe gefordert.

Geplante Schulungen während der Ausbildung

Um dieser gesetzlichen Forderung nachzukommen, wurde an der örtlichen Gesundheits- und Krankenpflegeschule (GuKps) in einem ersten Schritt ein „Deeskalationskurs“ für das zweite Ausbildungsjahr der Pflegefachassistenz (PFA) Ausbildung geplant.

Nun stellte sich jedoch die Frage, ob nicht auch bei Auszubildenden der einjährigen Pflegeassistenz (PA) Ausbildung bzw. der dreijährigen Ausbildung zur diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegeperson (DGKP) ein Schulungsbedarf besteht, sollten diese ebenfalls in der praktischen Ausbildung mit den Phänomenen Aggression und Gewalt konfrontiert sein.

Befragung einer Gruppe während der Ausbildung

Um einen etwaigen Bedarf zu erheben, wurde eine Auszubildendengruppe zum gehobenen Dienst der Gesundheits- und Krankenpflege (DGKP) der örtlichen GuKps befragt. Es sollte eine Diskussionsgrundlage geschaffen werden, die eine Argumentation für bzw. gegen einen derartigen Deeskalationskurs, auch in der einjährigen Pflegeassistenz- bzw. dreijährigen Diplomausbildung, unterstützt.

Wenn es diese Auszubildenden betrifft, dann sollte auch hier über die Implementierung eines entsprechenden Seminars für Deeskalations- und Sicherheitsmanagement diskutiert werden. Um zukünftige Berufskolleginnen und -kollegen nicht schon während der Ausbildung aufgrund belastender Erlebnisse durch Ausstieg zu verlieren, bedarf es einer aktiven Herangehensweise an das Thema von Seiten der Bildungsinstitution.

Um herauszufinden, ob Schülerinnen und Schüler zum gehobenen Dienst der Gesundheits- und Krankenpflege der örtlichen GuKps, in ihrem ersten Praktikumsblock Aggressions- bzw. Gewaltsituationen ausgesetzt waren, wurde der von Nico Oud, RN, N.Adm, MNSc entwickelte POPAS (Perception of Prevalence of Aggression Scale) Bogen für die gegenständliche Erhebung herangezogen.

Dieser dient der Erfassung subjektiver Wahrnehmung von aggressivem oder gewalttätigem Verhalten, welches Personen im Gesundheitswesen von Patientinnen und Patienten erleben (Connecting, 2000).

Individuell wahrgenommene Häufigkeit von Aggressionsereignissen

Die befragten Schülerinnen und Schüler wurden gebeten, ihre individuell wahrgenommene Häufigkeit der Aggressions- und Gewalterfahrungen im Laufe des insgesamt 624 stündigen Praxis-Zeitraumes innerhalb der letzten 12 Monate anhand des Erhebungsbogens anzugeben.

In diesem ersten Ausbildungsjahr, was dem Erhebungszeitraum entspricht, wurde jeweils ein Praktikum an einer internistischen, eines an einer chirurgischen Station eines allgemeinen niederösterreichischen Landesklinikums sowie eins in einem Pflege- und Betreuungszentrum (PBZ) absolviert.

Unterstützung bei dem Ausfüllen und Auswertung des Fragebogens

Um einen größtmöglichen Rücklauf der 16 ausgeteilten POPAS-Bögen zu gewährleisten, wurden die Fragen inklusive der Erläuterungen nacheinander im Kommunikationsunterricht (2 Unterrichtseinheiten = UE) vorgelesen und gleichzeitig von jeder Schülerin und jedem Schüler ein eigener Bogen befüllt. Dabei wurde explizit darauf hingewiesen, dass es sich um eine anonyme Erhebung handelt.

Auf Fragen wie: „Ab wann ist oft oder sehr oft?“ wurde nicht eingegangen und nochmals erläutert, dass es sich um individuelle, persönliche Wahrnehmungen handelt.

Verständnisfragen zur Handhabung des Bogens wurden beantwortet.

Wie sich nach der Auswertung zeigte, waren die befragten Auszubildenden in ihren Praktikern, in einem erschreckenden Ausmaß mit Aggressions- und Gewaltereignissen konfrontiert und müssen zukünftig von der Bildungsinstitution auf derartige Situationen entsprechend vorbereitet werden.

Bei der Konzeption dahingehender Schulungsinhalte ist ein Schwerpunkt dem Thema Prävention zu widmen.

Es gilt die Ursachen von Aggression zu erkennen, um präventiv handeln zu können. Ängste, Wutausbrüche oder nichterfüllte Bedürfnisse können überwiegend durch professionelle Interaktion positiv beeinflusst werden.

Eine sichere Arbeitsumgebung stellt ein Grundrecht für alle Mitarbeitenden sowie Patientinnen und Patienten im Gesundheits- und Sozialwesen dar. Das Ziel einer sicheren Institution sollte es sein, dass Personal, Patientinnen und Patienten sowie Besucherinnen und Besucher Klarheit und Orientierung im Denken, Fühlen und Handeln erlangen, was sich in einem respektvollen, würdevollen und verantwortungsvollen Miteinander zeigen würde.

Schulungs- und Trainingskonzept

An einer GuKps in Wien absolvieren die Auszubildenden eine 5-tägige Basiswoche für Deeskalations- und Sicherheitsmanagement. In dieser Woche lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowohl theoretische Grundlagen zu Gewalt, Aggression und Deeskalation, als auch praktische Inhalte wie kommunikationsgestützte Körperinterventionen (KgK). Weiters werden diese Basiswochen sowohl in der einjährigen Ausbildung zur Pflegeassistenz- als auch in der zweijährigen Pflegefachassistenz-Ausbildung durchgeführt. In anderen GuKps in Wien werden teilweise 3-tägige Seminare zu dieser Thematik durchgeführt.

 

Der Wunsch nach Handlungskompetenz

Auszubildende wünschen sich Handlungskompetenz in angespannten Situationen und verdeutlichen den Bedarf an Wissen zu Hintergründen von Aggressionsereignissen. Sie geben an, sich oft alleingelassen gefühlt zu haben sowie, dass das Personal, das für sie zuständig gewesen wäre, häufig selbst überfordert war.

Es braucht Schulungsinhalte zu den Themen, wie man in einer Einrichtung gesund bleiben kann, in der weder eine Sicherheitsleitlinie existiert, noch das übrige Personal für den professionellen Umgang mit Aggression qualifiziert ist.

Implementierung von mehrtägigen Seminaren

Aufgrund der Auswertungsergebnisse der örtlichen Bildungseinrichtung, wurde innerhalb des Kollegiums sowie mit Vertretern der Trägerschaft über die generelle Implementierung von mehrtägigen Seminaren für Deeskalations- und Sicherheitsmanagement in allen angebotenen Grundausbildungen diskutiert und sich schließlich auf folgendes Schulungskonzept geeinigt.

Gehobener Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege

1. Ausbildungsjahr: 24 UE Seminar für Deeskalations- und Sicherheitsmanagement (3-tägig)
2. Ausbildungsjahr: 16 UE Refresher (2-tägig)
3. Ausbildungsjahr: 8 UE Refresher (1-tägig)

Pflegeassistenzausbildung

Mit den Auszubildenden zur Pflegeassistenz (PA) wird ebenfalls ein 24 UE dauerndes Seminar für Deeskalations- und Sicherheitsmanagement abgehalten, da diese während ihrer praktischen Ausbildung mit ziemlicher Sicherheit ähnlich fordernden Situationen ausgesetzt sind. Weiters decken sich hier die im Qualifikationsprofil der PA-AV geforderten Fähigkeiten mit Lehrinhalten des Seminars.

Pflegefachassistenzausbildung

Aufgrund der Tatsache, dass die Ausbildungsinhalte des 1. Ausbildungsjahres PFA-Ausbildung ident mit denen der einjährigen PA-Ausbildung sind, war auch hier ein 24 UE dauerndes Seminar für Deeskalations- und Sicherheitsmanagement sowie im 2. Ausbildungsjahr ein 16 Unterrichtseinheiten dauernder Refresher zu implementieren.

Mehr Wissen, mehr Sicherheit

Es konnte festgestellt werden, dass durch die Trainingsprogramme das Wissen über Aggression und ihre Bewältigung verbessert werden konnte und die subjektive Sicherheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Schülerinnen und Schüler gesteigert wurde. Richter und Needham (2007) sind der Meinung, dass alleine dadurch schon die Durchführung von Trainingsprogrammen zu Aggressions-Sicherheitsmanagement zu rechtfertigen ist.

Mit Oktober 2018 wurde die Implementierung im beschriebenen Ausmaß in allen Grundausbildungen der örtlichen Gukps begonnen.

Bei Fragen können Sie sich gerne an den Autor wenden.

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Unsere Bedürfnisse sind Antrieb für unser Verhalten. Unerfüllte Bedürfnisse können zu Rückzug, Abwehr und aggressivem Verhalten führen.

Zum Autor

Martin Schriebl ist Trainer für Sicherheits- und Deeskalationsmanagement. Er ist derzeit in lehrender Tätigkeit am Landeskrankenhaus in Amstetten tätig. Martin steht jederzeit für Fragen und Informationen zur Verfügung.