Zwei Kinder, zwei Welten

Astrid und Tom: Was uns Kinder über Deeskalation lehren

Autorin: Katrin Weber

Neuer Tag…

Wer einmal auf einer Kinder- und Jugendpsychiatrie gearbeitet hat, weiß: kein Tag gleicht dem anderen. Noch weniger gleichen sich die Kinder und Jugendlichen, die dort behandelt werden. Alle bringen ihre eigene Geschichte, ihre Verletzungen und ihre Ressourcen mit. Deeskalation bedeutet in diesem Umfeld nicht nur, akute Krisen zu entschärfen – sondern auch, ihnen einen Rahmen zu geben, in dem sie wachsen können. Besonders eindrücklich wird das, wenn man zwei sehr unterschiedliche Fälle betrachtet: Astrid und Tom.

Astrid, 16 Jahre – Depression und Identitätsfindung

Astrid ist 16, wirkt still, zurückgezogen und verschwindet fast in ihren übergroßen Pullovern. Sie verbringt viel Zeit im Bett, redet wenig und wenn, dann leise. In ihrer Akte steht: mittelgradige depressive Episode, mit Suizidgedanken (Krollner, 2023).

Mit 16 befindet sich Astrid in der Entwicklungsstufe „Identität vs. Identitätsdiffusion“ (Erikson). In dieser Phase geht es darum, eine Vorstellung davon zu entwickeln, wer man ist und welchen Platz man im Leben einnehmen möchte. Für Jugendliche mit Depression ist das besonders schwer: Schuldgefühle und ein brüchiger Selbstwert erschweren die Suche nach einer stabilen Identität (Gabel, 2012).

Für das Team bedeutet das: Astrid braucht Struktur, Halt und kleine Schritte zurück ins Leben. In der Praxis heißt das zum Beispiel: gemeinsam einen Tagesplan erstellen, der überschaubar ist – Frühstück, kurze Aktivität, eine Stunde Schuleinheit, später ein Spaziergang. Dabei wird jeder kleine Erfolg sichtbar gemacht: „Heute bist du aufgestanden, obwohl es schwer war – das ist stark.“ Solche Rückmeldungen helfen, ihr Selbstbild zu stabilisieren und ihre Identität nicht nur über die Krankheit zu definieren (Kirschenbauer, 2023, S. 91–93).

Astrid zeigt uns: Jugendliche in dieser Phase brauchen nicht nur Hilfe bei Symptomen, sondern auch Unterstützung in ihrer Identitätsarbeit – und genau hier liegt ein wichtiger Unterschied zu jüngeren Kindern.

Tom, 11 Jahre – dissoziale Störung und der Kampf um Anerkennung

Ganz anders ist Tom. Er ist 11 Jahre alt, mit funkelnden Augen und einer Energie, die schnell in Aggression umschlagen kann. In seiner Diagnose steht: Störung des Sozialverhaltens, dissozialer Typ (Krollner, 2023). Tom testet Grenzen unermüdlich. Er provoziert, lügt, zerstört Dinge – und wenn er sich ungerecht behandelt fühlt, wirft er mit Gegenständen oder schlägt andere Kinder.

Mit 11 befindet er sich in Eriksons Phase „Werksinn vs. Minderwertigkeitsgefühl“. Kinder in diesem Alter wollen erleben, dass sie etwas leisten können und Anerkennung dafür bekommen. Sie vergleichen sich stark mit Gleichaltrigen und entwickeln durch Erfolgserlebnisse ein Gefühl von Kompetenz. Bleibt dieses Erfolgserleben aus, entsteht das Risiko von Minderwertigkeit oder Überkompensation (Gabel, 2012).

Tom versucht, sich Anerkennung zu verschaffen – oft über destruktives Verhalten. Für das Team heißt das: Er braucht klare Grenzen, nachvollziehbare Regeln und vor allem positive Bestärkung. Regeln müssen transparent sein und Konsequenzen verlässlich folgen. Gleichzeitig sollen seine positiven Anteile sichtbar gemacht werden – sei es seine Kreativität im Sport oder seine Fähigkeit, Witze zu reißen. So erlebt er, dass er auch auf konstruktivem Weg Anerkennung findet (Kirschenbauer, 2023, S. 172–175).

Tom zeigt uns: Kinder in dieser Entwicklungsphase lernen am stärksten durch Rückmeldung und Konsequenz – und zwar sowohl durch Korrektur als auch durch Bestätigung, dass sie etwas können.

Zwei Entwicklungsphasen – zwei Zugänge

Die Geschichten von Astrid und Tom verdeutlichen: Die Entwicklungsstufe bestimmt maßgeblich den Zugang in der Deeskalation.

  • Astrid ringt mit ihrer Identität. Hier helfen Struktur, kleine Schritte und die Botschaft: „Du bist mehr als deine Krankheit.“
  • Tom kämpft um Anerkennung. Er braucht klare Regeln und die Erfahrung, dass er auch durch positives Verhalten gesehen wird.

Beide Zugänge haben jedoch eine gemeinsame Basis: Wertschätzung und Klarheit. Denn ob still oder laut, verletzlich oder aggressiv – Kinder und Jugendliche wollen ernst genommen werden. Nur wenn das Team eine gemeinsame Haltung entwickelt, klare Absprachen trifft und regelmäßig reflektiert, kann Deeskalation gelingen (Nau, Walter & Oud, 2019).

Jugendliche

Fazit

Astrid lehrt uns Geduld und die Bedeutung der Identitätsarbeit. Tom zeigt uns die Kraft von Grenzen und Anerkennung. Beide machen deutlich: Deeskalation in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist keine Technik, sondern eine Haltung. Eine Haltung, die den Menschen in seiner Individualität und seiner Entwicklung sieht – und jede Krise als Möglichkeit begreift, gemeinsam einen Schritt nach vorne zu gehen (Weber, 2023, S. 33–35).

Quellen:
• Krollner, B. (2023): ICD-10-GM.
• Kirschenbauer, H. (2023): Kinder- und Jugendpsychiatrie für Pädagogik und Soziale Arbeit.
• Nau, J.; Walter, G. & Oud, N. (2019): Aggression, Gewalt und Aggressionsmanagement.
• Gabel, H. (2012): Stationen der Entwicklung Jugendlicher.
• Weber, K. (2023): Krise oder Chance zu verändern – Deeskalation im Akutbereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Weiterführende Artikel

Neue Artikel - Direkt per Mail

Unser Team verfasst regelmässig neue Fachartikel zum Thema Deeskalation und Aggressionsmanagement. Wir benachrichtigen Sie gerne per E-Mail über neue Beiträge.