Das Kommunikationsmodell

(4 Säulen)

Teil 1

Neues in Sachen Kommunikation?

Wir finden auf der Suche nach bewährten Modellen für Kommunikation oder deeskalierenden Kommunikation Wörter wie Wertschätzung, Respekt, aktives Zuhören, zugewandt sein. Das Ganze gepaart mit Kanalöffnen oder Kontakthalten und noch viel mehr an ähnlichen Begriffen. Beim aufmerksamen Lesen erkennt man, dass sich diese Modelle, Richtlinien oder Checklisten nur marginal voneinander unterscheiden.

Was hat sich in den letzten 50 Jahren getan?

Seit den 70er Jahren hat sich in Bezug Kommunikation nicht viel getan. Die bekannten Größen in der Szene wie Friedemann Schulz von Thun, Marshall Rosenberg, Carl Rogers, Paul Watzlawick,… sind alle irgendwie miteinander verstrickt. Neue große Vortragende, Schriftsteller*innen oder Forscher*innen beschreiben bekannte Phänomene mit neuen Wörtern oder wie bei NLP (Neurolinguistisches Programmieren) gesagt wird: „Reframing“. Geben wir dem alten Bild einen neuen Rahmen. Das ist oft sehr gut, aber noch öfter einfach nur eine gute Verkaufstechnik.

Natürlich ist es nicht so, dass sich seit den 70er Jahren nichts geändert hat, die großen Errungenschaften bleiben jedoch aus. Dies muss einem bewusst sein, wenn man sich mit dem großen Thema Kommunikation auseinander setzt. Es bedeutet aber nicht, dass man nichts Neues dazu lernt!

(Jetzt wird’s kryptisch – ich werde es erklären)

Es gibt nichts Neues, lass es uns lernen!

Nichts ist leichter als ein neues Modell zu entwickeln und einen dazu gehörigen Leitfaden in Hemdtaschengröße zu erstellen. Stellen Sie sich vor, Sie sind in einem Gespräch und ihr Gegenüber nimmt nach ein paar Fragen einen Zettel zur Hand und liest sich durch, wie er nun weiter kommunizieren soll. Schaut komisch aus, ist es auch.

Das heißt, wir brauchen ein Modell das wir uns einprägen können, leicht verständlich und nachvollziehbar. Und jetzt kommt das 4 Säulen Modell ins Spiel.

Das 4 Säulen Modell der deeskalierenden Kommunikation.

Säule Nummer 1: Theorie

Wir müssen keine Studien durchführen oder Verhaltenspsychologie studieren. Wir müssen uns nicht ins Abenteuer werfen und Feldstudien durchführen nur um herauszufinden, warum jemand wie reagiert, was jemand braucht der sich hilflos fühlt, wie wir zugewandt zuhören können, ….. Das Wissen ist da, wir brauchen es uns nur zu holen und das am besten von den Meistern selbst. Kaufen Sie sich Bücher, besuchen Sie Kommunikationsfortbildungen, lernen Sie was möglich ist. Versuchen Sie sich dieses Wissen einzuverleiben, zu behalten und zu verinnerlichen.

Eignen Sie sich theoretisches Wissen an.
Theoretisches Wissen ist gut, in der Theorie können wir alle zum Mond fliegen oder auch zum Mars oder wir tauchen im Mariannen Graben.

Wie fühlt es sich jedoch an, wenn wir dann wirklich jemanden gegenüberstehen der sagt: „Ich möchte sterben.“ Wie reagieren wir? ….In solchen Situationen habe ich Interventionen gehört, wie: „Na, na – in meinem Dienst stirbt ma ned.“ Oder „So schlimm ist es jetzt a ned“

Säule Nummer 2: Praxis

Wir müssen unser Wissen anwenden, immer und immer wieder. Kein Mensch ist allen Situationen gewachsen, dessen müssen wir uns bewusst sein.
In der Praxis spricht man auch davon, dass unser Wissen vom Kopf in den Bauch rutscht. Man „muss“ ein Gefühl für Situationen erhalten. Damit man nicht auf einen Schummelzettel nachschauen muss. Man muss üben, wie ich einen Kanal öffne und Kontakt halten kann und welche Frage angepasst ist. Oder ist es doch besser, wie im Lehrbuch zu reagieren?

Authentizität erlangen wir durch eine starke Mitte, durch ein gutes Selbstbewusstsein. Und durch Übung, Übung und noch einmal Übung. Bei der Feuerwehr muss man ca. 1200 – 1500 Mal den Ablauf wiederholen bis die Atemschutzmasken richtig anlegt werden können.

(Habe ich das selbst erforscht? Nein, jedoch bei einem Vortrag von Dr. Christoph Göttl zum Thema Neuro-Deeskalation, gehört.)

Säule Nummer 3: Sympathie und Empathie oder „die erste Glückssäule“

Diese Säule hat man mit seinem Gegenüber, oder man hat sie nicht. Das Wissen der Wichtigkeit der 3. Säule erleichtert jedoch oft den Umgang miteinander. Finden Sie eine Gemeinsamkeit, dies kann alles sein, was den Kontakt erleichtert. Kommt man aus dem gleichen Bezirk, interessiert man sich für die gleiche Musik, die gleichen Bücher, den gleichen Fußballklub oder allgemein für den gleichen Sport? Es gibt immer Gemeinsamkeiten!

Was denken Sie, wer zu dem von Kopf bis Fuß tätowierten Menschen leichter Beziehung aufbaut. Die Person die gegen Tattoos ist oder die, die selbst welche sichtbar trägt. Oft reichen diese Kleinigkeiten aus, um ins Gespräch zu kommen bzw. einen verbindenden Aspekt zu haben.

Säule Nummer 4: Die Geisteshaltung oder „die zweite Glückssäule“

Wenn man Menschen fragt, warum sie im Gesundheitssystem arbeiten erhält man oft die Antwort: „Weil ich so gerne mit Menschen arbeite“. Die Realität sieht dann oft so aus, dass wir in der Patient*innen-Betreuung mehr hinter dem PC sitzen, als mit den Personen zu arbeiten. Diese Säule ist jedoch der Anfang und das Ende jeder Kommunikation.

Diese Säule beschreibt, welchen ethischen und moralischen Ansatz wir haben, um uns mit den Menschen zu beschäftigen.

Ist es, weil wir Situationen deeskalieren wollen, weil wir nicht beschimpft werden wollen, weil es zu unserer Tätigkeit gehört zu kommunizieren und wir Beziehung herstellen wollen? Machen wir die Kontaktaufnahme gerne?

Diese Säule ist das Fundament jeglicher Deeskalation und Kommunikation! Wenn dieses Fundament bröckelt, werden unsere Versuche einer guten Kommunikation scheitern. Wenn dieses Fundament stark und sicher ist, werden uns im Gegenzug nahezu sämtlichen Kommunikationsfehler verziehen. Wir brauchen dazu nicht einmal die Säule 1 (Theoretischen Wissen) oder die Säule 2 (Praxiserfahrung) auch die Säule 3 (1. Glücksäule – Sympathie/Empathie) wird nachranging.

Wir bewegen uns in nicht statistisch messbaren Bereichen, wir sind ganz klar im Gefühlserleben!

Wenn wir unserem Gegenüber ehrlich und authentisch das Gefühl geben, dass wir für sie/ihn da sind, haben wir Säule 4 geschafft.

ICH BIN FÜR DICH DA

= ich interessiere mich für dich, ich höre dich, ich sehe dich, ich bleibe bei dir, ich nehme dich und dein Gefühle, Ängste, Emotionen wahr!

Wenn wir das schaffen haben wir nicht nur deeskaliert, dann haben wir einem Menschen geholfen und Hoffnung gegeben. Dann haben wir unserem Tun Sinn verschafft!

Und war das nicht der Grund warum wir diesen Beruf ergriffen haben?

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Zum Autor

Manfred Konlechner ist Kommunikationstrainer und Trainer für Deeskalations- und Sicherheitsmanagement. Manfred steht jederzeit für Fragen und Informationen zur Verfügung.