Deeskalation mittels sensorischen Skills

Multiprofessioneller Deeskalationskompass zum Skills-Training, Teil 1

Autorin: Paula Canova

Skills-Training im Hochstress für psychisch kranke Menschen

Das Gesundheitspersonal ist im stationären Alltag mit unterschiedlichen Formen der Aggressionen konfrontiert. Das Spektrum der Aggressionsformen und die Umstände auf einer Akutstation für psychisch kranke Menschen ist sehr facettenreich, restriktiv und nicht förderlich für beziehungsorientiertes Arbeiten. Viele Patient*innen mühen sich mit der Regulation von Spannungen und Emotionen ab. Das Gesundheitspersonal versucht kompetent und wertschätzend die anstrengenden Situationen zu lösen.

Eine Abhilfe, beziehungsweise eine Erleichterung bietet eine multiprofessionelle Anwendung des sensorischen Skills-Trainings.

Schwierigkeiten, die Regulation brauchen

Frau sitzt in Schachtel

Regulation von Spannungen und Emotionen im Hochstress ist einsetzbar bei Patient*innen, die Schwierigkeiten in folgenden Bereichen haben:

  • Bewältigung von Spannungszuständen
  • Umgang mit Angst
  • Defizite in der Kommunikation
  • Probleme bei der Emotionsregulation
  • Dissoziativen Phänomenen
  • Flashbacks
  • Intrusionen
  • Dysfunktionalen Verhaltens

1. Dialektische Verhaltenstherapie (DBT)

Der Aufbau der dialektischen Verhaltenstherapie ist durch die Kunst der Gesprächsführung und ausdrucksvollen Einsichtsweisen definiert und vereint die gegensätzlichen Betrachtungen und Problemfelder im Alltag von psychisch kranken Menschen. DBT basiert auf dem Verständnis und der Akzeptanz eines Problemfeldes und deren Veränderung.

Diese Therapieform wurde schon in den 1980er Jahren von Marsha M. Linehan entwickelt und das Skills-Training gehört heute zu den verhaltenstherapeutischen Standardtechniken.

Die Anwendung des DBT-Konzeptes ist zum Beispiel bei Suchterkrankungen, Essstörungen, Depressionen, Adoleszenz, Posttraumatischer Belastungsstörung, Persönlichkeits- und Somatisierungsstörungen und weiteren psychiatrischen Diagnosen mit oben angeführten Schwierigkeiten erfolgreich anwendbar.

Die dialektische Verhaltenstherapie unterteilt das Skills-Training in 5 Module –Achtsamkeit, Umgang mit Gefühlen, Zwischenmenschliche Fertigkeiten, Stresstoleranz und Selbstwert.

2. Skillsdimensionen – Spannungskurve

Ein wesentlicher Faktor für den Verlauf der Spannungszustände ist zu erkennen, wie sich die Anspannung und Unruhe stufenweise verändert. Merkmale zur Bestimmung des Spannungsgrades sind Gefühle, Gedanken, körperliche Signale und Verhalten. Diese sind ausschlaggebend für den Einsatz der geeigneten Skills.

Drei Spannungsdimensionen werden unterschieden:

  • Stresstoleranz: Hochspannung 70-100%
  • Umgang mit Gefühlen, Selbstwert, Zwischenmenschliche Fertigkeiten: mittlere Anspannung 30-70%
  • Achtsamkeit: niedrige Anspannung 0-30%

Die dialektische Strategie der DBT

Die dialektische Strategie der DBT ist das Problem zu verstehen, zu akzeptieren und zu verändern. Wichtig ist die Auffassung, dass dieser Anspannungszustand verändert werden kann.

Die Wirkung der Skills erfolgt über 4 Kanäle:

  • Handlungsbezogene (behaviorale) Skills
  • Gedankenbezogene (kognitive) Skills
  • Körperbezogene (physiologische) Skills
  • Sinnesbezogene (sensorische) Skills
Blüte in Händen

Die Zuordnung der Skills

Diesen Kanälen sind individuelle Skills zugeordnet.

Ein Beispiel für ein körperbezogenes Skill ist achtsame Veränderung der Atmung.

Bei den handlungsbezogenen Skills kann zum Beispiel Sport zur Spannungsregulation eingesetzt werden.

Ablenkung durch Kreuzworträtsel oder Sudoku helfen bei den gedankenbezogenen Skills.

Befindet sich der Mensch im Zustand von Hochspannung, helfen am meisten die sinnesbezogenen Skills, wie Chilischotten, Eiswürfel, Zitrone.

Der Stand der Wissenschaft von heute ist, dass die Steuerungsfähigkeit unter Hochstress ziemlich eingeschränkt ist. In der Hochspannungsdimension sollten zuerst die Skills zur Spannungsregulation angewendet werden. Der Fokus liegt bei den stimulierenden und deeskalierenden Fertigkeiten. Die ablenkenden und beruhigenden Skills regen die fünf Sinne an – Spüren, Schmecken, Hören, Sehen und Riechen.

Die angewendeten Skills sollen die Situation nicht verschlimmern, sondern mit Hilfe der fünf Sinne beruhigen und ablenken. Die Anwendung beschränkt sich auf drei bis vier Skills.

Zu starke Reize, die Verletzungen zufügen, entsprechen nicht dem richtigen Weg des Skills-Trainings und der Grundhaltung von DBT.

3. Skills-Matrix

Definition: „Kognitive, emotionale und handlungsbezogene Reaktionen, die sowohl kurz- als auch langfristig zu einem Maximum an positiven und einem Minimum an negativen Ergebnissen führen. Jedes Verhalten, das in einer (schwierigen) Situation kurzfristig wirksam und dabei langfristig nicht schädlich ist.“ (Dreifuss E., 2019. Dachverband DBT, AWP Freiburg Skript)

Skills sind Fertigkeiten, die zur Spannungsregulation und als Unterstützung in Krisensituation nützlich sind. Durch die Defizite und Störungen im Umgang mit der Begleitsymptomatik einer psychiatrischen Diagnose gelingt es den Personen nicht adäquat zu reagieren. Oft ist es notwendig ein neues Verhalten wie funktionale Skills zu erlernen, um aus diesen schädlichen und destruktiven Mustern auszubrechen.

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