Grenzüberschreitungen im Alltag
Psychische Gewalt erkennen und wirksam begegnen
Autor: Manfred Fragner
Grenzüberschreitungen passieren täglich – analog und digital
In unserer heutigen, zunehmend digitalisierten und leistungsorientierten Gesellschaft werden Respekt und gegenseitige Rücksichtnahme wichtiger denn je. Dennoch sind psychische Gewalt und verschiedene Formen von Grenzüberschreitungen leider keine Seltenheit mehr. Ob am Arbeitsplatz, in Schulen, im privaten Umfeld oder im Internet – Menschen sehen sich immer häufiger mit Mobbing, Bossing, Social Bashing oder sexuellen Übergriffen im digitalen Raum konfrontiert. Diese Formen der psychischen Gewalt können tiefgreifende Auswirkungen auf das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit der Betroffenen haben. Ein offener Umgang, Aufklärung und gezielte Maßnahmen sind daher unerlässlich, um diese Herausforderungen wirksam anzugehen.
Es passiert häufig im sozialen Umfeld…
Mobbing: Systematische Schikane mit weitreichenden Folgen
Mobbing bezeichnet wiederholte und systematische Schikanen, Ausgrenzung oder Demütigungen, die meist über einen längeren Zeitraum stattfinden. Dies kann in der Schule, am Arbeitsplatz oder im sozialen Umfeld passieren. Betroffene berichten häufig von ständigen negativen Kommentaren, Ausschluss aus Gruppen, dem Verbreiten von Gerüchten oder bewusster Manipulation. Mobbing ist keinesfalls eine harmlose Kleinigkeit, sondern kann zu schweren psychischen Folgen wie Depressionen oder Burnout führen. Gerade weil es oft schleichend und subtil erfolgt, fällt es vielen schwer, sich zu wehren oder die Situation zu erkennen.
Bossing: Mobbing von oben
Eine besonders belastende Form des Mobbings ist Bossing – hierbei geht die psychische Gewalt von Vorgesetzten aus. Bossing zielt häufig darauf ab, unliebsame Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter aus dem Unternehmen zu drängen. Methoden wie ständige Kritik, Informationsentzug oder das gezielte Bloßstellen in Meetings sind typische Mittel. Das Machtgefälle macht die Situation für Betroffene besonders schwierig und führt oft zu einem Gefühl der Ohnmacht. Bossing ist nicht nur ethisch verwerflich, sondern kann auch rechtliche Konsequenzen für die Täter*innen haben.

… auf vielfältige Art und Weise
Social Bashing: Digitale Hetzjagden mit realen Folgen
Mit dem Aufstieg sozialer Medien hat sich eine neue Form der psychischen Gewalt etabliert: Social Bashing. Dabei werden Personen im Internet gezielt diffamiert, beleidigt oder öffentlich bloßgestellt – häufig anonym und in Form von Hasskommentaren, Memes oder Hasskampagnen. Besonders Jugendliche, Influencer*innen oder exponierte Persönlichkeiten sind betroffen. Die Anonymität im Netz senkt die Hemmschwelle für Angriffe, die auch digital enormen psychischen Schaden anrichten können. Es ist wichtig zu verstehen: Digitale Gewalt ist genauso real wie physische und darf nicht verharmlost werden.
Sexuelle Grenzüberschreitungen im digitalen Raum
Ein weiteres ernstzunehmendes Problem sind unerwünschte sexuelle Nachrichten, besonders das Versenden sogenannter „Dick Pics“ – also unangeforderter Fotos männlicher Genitalien. Viele Betroffene empfinden dies als sexuelle Belästigung und eine massive Grenzüberschreitung. Diese Praxis ist kein harmloser Flirtversuch, sondern ein Ausdruck von Machtmissbrauch und kann Betroffene stark verunsichern oder retraumatisieren. Zum Schutz vor sexueller Belästigung wurde der Straftatbestand der sexuellen Belästigung im Strafgesetzbuch um die unaufgeforderte Übermittlung von Bildaufnahmen menschlicher Genitalien – sogenannter Dick-Pics – erweitert.
Die Strafregelung soll Bilder von sowohl männlichen als auch weiblichen primären Geschlechtsorganen umfassen. Bildaufnahmen mit Genitalien in großer Entfernung (wie etwa Strandfotos) sind nicht vom Tatbestand erfasst. Als Strafdrohung ist eine Freiheitsstrafe von bis zu sechs Monaten oder eine Geldstrafe von bis zu 360 Tagessätzen vorgesehen, das Gesetz trat mit 1. September 2025 in Kraft.
Weitere Formen psychischer Gewalt
Neben den genannten Phänomenen gibt es zahlreiche weitere Formen psychischer Gewalt, die im Alltag häufig vorkommen und die Psyche der Betroffenen nachhaltig belasten können:
- Gaslighting: Manipulation, bei der die Wahrnehmung des Opfers infrage gestellt wird, sodass es an der eigenen Realität zweifelt.
- Stalking: Wiederholtes, unerwünschtes Verfolgen oder Belästigen, oft mit Kontrollabsicht.
- Body Shaming: Abwertende Kommentare über das Aussehen, die das Selbstbild beschädigen können.
- Silent Treatment: Bewusstes Ignorieren oder Schweigen, um Macht auszuüben oder zu bestrafen.
Was können wir tun?

Der wichtigste Schritt im Umgang mit psychischer Gewalt ist Aufklärung. Viele Betroffene erkennen nicht, dass sie Opfer von Mobbing, Bossing oder digitaler Gewalt sind, oder fühlen sich zu hilflos, um zu handeln. Deshalb ist es wichtig, diese Themen offen anzusprechen und Hilfe anzubieten. Schulen, Unternehmen und Online-Plattformen tragen eine große Verantwortung, klare Regeln gegen Grenzüberschreitungen zu formulieren und Betroffene zu unterstützen. Wer selbst betroffen ist, sollte den Mut finden, mit vertrauten Personen – Freund*innen, Familie, Therapeut*innen oder Betriebsräten – über die Situation zu sprechen. Niemand muss solche Herausforderungen alleine bewältigen!
Deeskalationstraining: Trainer*innen als Multiplikator*innen für Respekt
Besonders im beruflichen und pädagogischen Umfeld spielt die Arbeit mit Deeskalationstrainer*innen eine entscheidende Rolle. Sie helfen, psychische Gewalt zu erkennen, zu verstehen und passende Strategien zu entwickeln, um Konflikte zu entschärfen. Durch das Vermitteln von Kommunikationsregeln, Stärkung des Selbstwertgefühls und die Förderung einer wertschätzenden Haltung leisten sie einen wichtigen Beitrag zu einer respektvollen und gesunden Kommunikationskultur.
Fazit: Eine Kultur des Respekts schaffen
Psychische Gewalt ist eine ernsthafte Herausforderung mit vielfältigen Erscheinungsformen. Ob am Arbeitsplatz, in der Schule, im privaten Umfeld oder online – Respekt und Empathie müssen zur Norm werden, nicht zur Ausnahme. Nur gemeinsam können wir eine Kultur schaffen, in der persönliche Grenzen respektiert, Unterschiede wertgeschätzt und Menschen geschützt werden.
Es liegt an uns allen, aufmerksam zu sein, Betroffene zu unterstützen und aktiv gegen psychische Gewalt einzutreten. Denn nur so kann ein sicherer und wertschätzender Umgang miteinander gelingen.
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