Stille Post?

Im Akutfall bitte nicht!

Sicherer Umgang in Notfallsituationen

Sie kennen bestimmt alle das Spiel „Stille Post“. Man flüstert ein möglichst langes, kompliziertes Wort in das Ohr der Sitznachbarin oder des Sitznachbars und am Ende kommt im Normalfall etwas vollkommen anderes heraus. Was bei diesem Spiel zu erwarten und oft recht amüsant ist, kann in einer Akutsituation sehr gefährlich werden.

Dazu eine kurze Geschichte

Alarm auf einer psychiatrischen Station. Zahlreiche Mitarbeiter*innen eilen zum Ort des Geschehens. Sie werden mit den Worten „Wir können den Alarm nicht ausschalten“ empfangen. Die Rufanlage ist brandneu und die Handhabung noch nicht zur Routine geworden. Die Helfer*innen beginnen eifrig am Bedienterminal im Stützpunkt herumzudrücken. So lange, bis sich plötzlich ein Kollege aus dem Patientenzimmer altmodisch per lautem Rufen bemerkbar macht und nachfragt, wann denn endlich mit Hilfe zu rechnen sei – bei der eigentlichen Akutsituation nämlich, die sich im Raum nebenan abspielte.

Zum Glück ging die Geschichte glimpflich aus. Aber durch die zwar korrekte, aber wesentlich weniger dringliche Information, dass das Problem die Rufanlage sei, die nicht zu piepsen aufhörte, wurden die Kollegen im Patientenzimmer unnötig lange alleine gelassen.

Menschen im Spital gehen am Gang

Kommunikation ist eine komplizierte Sache

Junge Menschen arbeiten

Kommunikation ist eine komplizierte Sache und wo kommuniziert wird, kommt es zu Missverständnissen. Dies kann gerade im Akutfall problematisch werden und die eigene Gefühlslage kann dies noch zusätzlich erschweren. Um solche Situationen so sicher wie möglich für alle beteiligten Personen unter Kontrolle zu bekommen, können strukturierte Vorgehensweisen hilfreich sein.

Hier kommt es darauf an, in geeigneter Art und Weise die erforderlichen Personen zu informieren, seien es Kolleg*innen innerhalb des medizinischen Personals der Klinik, Securitys bis hin zu anderen Institutionen wie der Polizei.

Sicheres Handeln in Notfallsituationen

Die Grundlage für sicheres Handeln in Notfallsituationen ist, die bereichsbezogenen Alarmsysteme zu kennen, bedienen zu können und korrekt einzusetzen. Es empfiehlt sich, durch eine geordnete und strukturierte Einschulung bereits in den ersten Tagen der beruflichen Tätigkeit den Umgang mit den sicherheitsrelevanten Einrichtungen zu erlernen.

Folgende Fragen können zur Erstellung eines Einschulungskonzeptes hilfreich sein:

  • Wie kann ich Hilfe holen? Welche Notruf- und Alarmierungssysteme sind vorhanden und wie bediene ich sie richtig?
  • Wie reagiere ich auf einen eingehenden Notruf? Wer hat welche Aufgabe(n) zu erledigen? Gibt es eine strukturierte Vorgangsweise, an die man sich zu halten hat? Checklisten für Akutsituationen bereitstellen!
  • Wer ist Ansprechpartner*in in welcher Situation? Wen kann/soll ich wann alarmieren?
  • In welchen Situationen benötige ich andere Wege der Informationsweitergabe, wie z.B. telefonische Weitergabe wichtiger Informationen an den ganzen Bereich durch eine strukturierte Verständigungskette, „stiller Alarm”,…? Ein praktisches Beispiel dafür wären Akutsituation mit Einsatz von Schuss- oder Stichwaffen. Hierbei sollten Alarmierungsarten, die viele Menschen in den Gefahrenbereich eilen lassen, vermieden werden.

Die Schulung sicherheitsrelevanter Einrichtungen und Vorgangsweisen bedarf regelmäßiger Auffrischungen, welche beispielsweise im Rahmen von Deeskalationstrainings stattfinden können.

Frau mit Checkliste

Wer ist zuständig? Polizei!

Polizist und Nonne

Die Polizei kann und soll in bedrohlichen Situationen, im Falle einer drohenden oder begangenen Körperverletzung oder anderen strafbaren Handlung sowie beim Einsatz von Waffen (egal welcher Art) verständigt werden.

  • Wo befindet sich der Ort des Vorfalls
  • Was ist passiert? Beschreibung des Vorfalls, der Bedrohung oder der Straftat.
  • Beim Einsatz von Waffen oder körperlichen Übergriffen – expliziter Hinweis auf diese Geschehen (Änderung der Einsatzpriorität!)

Wer ruft an inkl. Bekanntgabe einer Rückrufnummer – Telefon für Rückfragen nach Möglichkeit am Körper tragen!

Wer übernimmt die Einweisung bzw. Lotsung?

In Einrichtungen, in denen ein Sicherheitsdienst oder ein Portier vorhanden ist, empfiehlt es sich, diesen über den Polizeieinsatz zu informieren. Dieser kann die Einweisung bzw. Lotsung übernehmen.

Wer ist zuständig? Sicherheitsdienst!

Der Sicherheitsdienst ist primär für die Durchsetzung des Hausrechts sowie den Objektschutz zuständig. Er wird meist von der jeweiligen Einrichtung beauftragt. Seine genauen Befugnisse werden vertraglich festgelegt.

In einer Akutsituation, z.B. auch beim Einsatz von Waffen aller Art, haben Mitarbeiter*innen der Sicherheitsfirmen die gleichen Rechte und Pflichten wie jede/jeder Bürger*in. Dies umfasst vor allem die Hilfeleistungspflicht (§95 StGB), Notwehr und Nothilfe (§3 StGB) sowie das Anhalterecht (§80 StPO). Das heißt aber auch, dass Sicherheitsdienstmitarbeiter*innen jederzeit die Polizei hinzuziehen dürfen, wenn eine entsprechende Bedrohungslage vorhanden ist. Auch für diese Berufsgruppe gilt, wie für jede andere, das Prinzip Selbstschutz vor Fremdschutz. Sie sind nicht verpflichtet, sich selbst in Gefahr zu bringen.

Auch in der Kommunikation mit Polizei oder Sicherheitsdienst ist es entscheidend, strukturiert und klar die essentiellen Informationen weiterzugeben, um damit Missverständnissen in Akutsituationen weitgehendst vorzubeugen.

Security Männer

Hilfreiche Tipps zur Kommunikation im Akutfall

Geeignete Art der Informationsweitergabe wählen

Wer soll die Information erhalten? Prioritäten setzen!

Wichtige Infos kurz und prägnant weitergeben

Bei Unklarheiten nachfragen

Sich vergewissern, dass das Gegenüber die Informationen verstanden hat

Und wenn das „Stille Post-Phänomen“ trotzdem auftritt?

Keine Akutsituation ist wie die andere und es gibt zahlreiche Faktoren, die das Handeln der einzelnen Personen und den Ausgang einer solchen beeinflussen können. Was alle Situationen gemeinsam haben ist, dass man für zukünftige Ereignisse etwas lernen kann.

In strukturierten Nachbesprechungen können die Vorgehensweisen evaluiert und optimiert werden. Hier kann es hilfreich sein, zur Unterstützung eine Deeskalationstrainer*in in beratender Funktion hinzuzuziehen. Diese sind in vielen Institutionen in Prozesse des Sicherheitsmanagements involviert und können daher im Sinne der Mitarbeiter*innen positive Entwicklungen anstoßen und mitgestalten.

Dennoch bedarf es der Mithilfe jeder und jedes Einzelnen, im Arbeitsalltag Verantwortung zu übernehmen und damit für die Sicherheit aller einen Beitrag zu leisten.

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Zu den Autoren

Christoph Heller und Kerstin Wimmer sind Trainer für Sicherheits- und Deeskalationsmanagement. Christoph arbeitet an der Univ. Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am AKH Wien.Kerstin arbeitet im Landesklinikum Mistelbach in einer Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Christoph und Kerstin stehen jederzeit für Fragen und Informationen zur Verfügung.