Aggression und Gewalt in Gesundheitseinrichtungen

Empfehlung zum professionellen Umgang

Anforderungen in Gesundheitseinrichtungen

In den unterschiedlichen Bereichen der Gesundheitseinrichtungen zeigen sich je nach Klientel sehr unterschiedliche Anforderungen in Bezug auf ein Deeskalations- und Sicherheitsmanagement.

Thematisieren und Sensibilisieren

Die Gesellschaft, d.h. die Mitarbeiterinnen/Mitarbeiter und Nutzerinnen/Nutzer der Gesundheitseinrichtungen, erlebt in unterschiedlicher Ausprägung Aggression und Gewalt. Unabhängig davon, wie oft und in welcher Ausprägung Aggression und Gewalt vorkommt, ist die Organisation gefordert mit dem Phänomen professionell umzugehen. Die Bereitschaft, Aggression, Gewalt und Unterdrückung einfach hinzunehmen nimmt bei allen Beteiligten ab. Die Menschen in den Gesundheits- und Sozialberufen reagieren sensibler auf diese Situationen und sind nicht mehr bereit, diese zu tabuisieren.

Sie sprechen darüber und zeigen dieses lange Zeit vorhandene, jedoch nicht thematisierte Phänomen auf (vergleichbar mit Gewalt in der Familie, Gewalt in Schulen, die es Jahrhunderte lang gab und noch immer gibt, jedoch kaum darüber gesprochen wurde). Mit dem Thematisieren, dem Enttabuisieren wird es möglich diesem Bereich zu begegnen und Entwicklungsschritte zu setzen, die möglicherweise zur gewaltfreieren Institution führen. Vermehrt sind die Verantwortlichen der Gesundheits- und Sozialeinrichtungen gefordert zu der brisanten Thematik Qualitätskriterien und Ziele festzulegen, welche mit einer Unternehmensphilosophie in Einklang steht, welche einen sicheren und gewaltfreien Arbeitsplatz anstrebt und ermöglicht.

Deeskalation- und Sicherheitsmanagement

Deeskalations- und Sicherheitsmanagement bedeutet, dass die Unternehmensführung die Grundhaltung, Zielsetzung und die Interventionen des Unternehmens im Umgang mit Aggression und Gewalt transparent und nachvollziehbar festlegt. Es werden sämtliche Interventionen, welche im Unternehmen zu einem professionellen Umgang mit Aggression und Gewalt führen, systematisch und umfassend beschrieben und koordiniert.

Systematische und strategische Vorgehensweisen der Unternehmung

Person zeigt mit Hand auf eine mit Kreide gezeichnete Option
  • Definition eines Leitgedanken zum Umgang mit Aggression und Gewalt (Führungspersonen und Personalvertretung einer Institution)
  • Einrichtung und Etablierung einer zentralen Steuerungsgruppe, welche sich mit dem Thema Gewalt am Arbeitsplatz auseinandersetzt.
  • Festlegung von Qualitätszielen und Qualitätskriterien im Umgang mit Aggression und Gewalt
  • Durchführen von Risiko- und Arbeitssicherheitsanalysen (wiederkehrende Erhebung von Daten z.B. durch Erfassung von Aggressionsereignissen EvA)
  • Reflexion von strukturellen Aggressions- und Gewaltfaktoren (Regeln, Behandlungskonzepte, Hausordnung, aufliegende Informationsmaterialien etc.)
  • Reflexion von Gewohnheiten mit Patientinnen/Patienten, Bewohnerinnen /Bewohner oder Angehörigen (bezogen auf alle Berufsgruppen)
  • Reflektieren und Hinterfragen von Ablaufprozessen und Verhaltensweisen, welche möglicherweise ritualisiert sind
  • Aufbau eines Beschwerdewesens für Patientinnen/Patienten, Bewohnerinnen /Bewohner oder Angehörige
  • Interventionen zur Prävention (Verminderung) der Entstehung von Aggression
  • Fortbildungsmaßnahmen zur Kompetenzerweiterung der Mitarbeiterinnen/Mitarbeiter aller Berufsgruppen im Umgang mit Aggression und Gewalt (verbale Deeskalationskompetenz)
  • Fortbildungsmaßnahmen im professionellen Umgang mit kommunikationsgestützten Körperinterventionen bei entsprechendem Patientinnen-/Patientenklientel
  • Einrichtung von Notrufsystemen in Risikobereichen (Bereiche mit hoher Anzahl an gemeldeten Gewaltereignissen)
  • Einrichtung eines Unterstützungsplans (Anforderung von Unterstützung z.B. in den Nachdiensten/Wochenenddiensten)
  • Regelung von Ablaufprozessen bei erfolgten Gewaltereignissen (z.B. Meldewesen, Nachsorge und Nachbesprechungen im Team, Konsequenzen für Patientinnen/Patienten, Bewohnerinnen/Bewohner, Angehörige etc.)
  • Regelung für die einheitliche Dokumentation von Gewaltereignissen
  • Nachsorgeregelung für Mitarbeiterinnen/Mitarbeiter bei psychischen und oder körperlichen Beeinträchtigungen nach erlebter Aggression und Gewalt
  • Klare Festlegung von Bereichen und Situationen, wo speziell geschultes Sicherheitspersonal (Security) zum Einsatz kommt
  • Spezielle Ausbildung des Sicherheitspersonals auf die Besonderheiten einer Gesundheitseinrichtung (wenn vorhanden)
Puzzle mit fehlendem Stück

Anforderungen zur erfolgreichen Integration

Um diese Aspekte in die betriebliche Aufbau- und Ablauforganisation zu integrieren ist es notwendig für den Bereich Aggression-, Gewalt- und Deeskalationsmanagement Personen zu schulen und einzusetzen, die über Spezialwissen und Fertigkeiten in diesem Themenfeld verfügen.

Trainerinnen/Trainer

Jede Abteilung in den Gesundheitseinrichtungen verfügt über eine Trainerin/einen Trainer in Deeskalations- und Sicherheitsmanagement (langfristiges Ziel)

Ausbildungsplanung

Die Fortbildungsbeauftragten planen systematisch und strategisch die Ausbildung von Trainerinnen/Trainer und Beraterinnen/Berater für Deeskalations- und Sicherheitsmanagement

Einführende Kurse

„Jede Neueinsteigerin/jeder Neueinsteiger“ (aller Gesundheitsberufen) erhält im allgemeinen Krankenhausbereich einen dreitägigen Kurs im Deeskalations- und Sicherheitsmanagement (wenn er nicht bereits in der Ausbildung oder im vorherigen Arbeitsbereich erfolgt ist)

Einführende Kurse +

„Jede Neueinsteigerin/jeder Neueinsteiger“ der Gesundheitsberufe in den psychiatrischen Krankenhausbereichen und in den Erstversorgungsbereichen/Notfallbereichen sowie in festgelegten Risikobereichen erhalten einen fünftägigen Basiskurs im Deeskalations – und Sicherheitsmanagement

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Sekundärbereiche

Mitarbteiterinnen/Mitarbeiter der Sekundärbereiche (Schalterdienste mit Kundenkontakt, Krankentransportdienste etc.) erhalten Schulungen in der deeskalativen Kommunikations- und Gesprächsführung und im Konfliktmanagement

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Thema in der Grundausbildung

Deeskalations- und Sicherheitsmanagement ist Thema in der Grundausbildung der verschiedenen Gesundheitsberufe (Kompetenzerweiterung, -vertiefung)

Führungskräfte

Führungskräfte der Basis bis hinauf in die Geschäftsführung erkennen die Wichtigkeit des Themas an und setzen geeignete Maßnahmen (Bagatellisierungen und Sätze wie: „Was wollen Sie, ich bin auch einmal überfallen worden und mache meine Arbeit!“ müssen der Vergangenheit angehören)

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Zusatzversicherung

Flächendeckende Zusatzversicherung für die Mitarbeiterinnen/Mitarbeiter damit Schäden, welche aus der gesetzlichen Versicherung unzureichend gedeckt sind, ersetzt werden (z.B. hoher Kostenselbstbehalt bei den Mitarbeiterinnen/Mitarbeiter nach Schadenseintritt wie Brillenersatz, Zahnersatz, kosmetische Eingriffe, psychotherapeutische Unterstützung)

Roundtables

Roundtable mit allen Partnerinnen/Partnern zur Planung einheitlicher Maßnahmen: Rettung, Polizei, Staatsanwaltschaft, Arbeitsmedizin, AUVA, Sicherheitsbeauftragte der Institution, Dienstgeber, Trainerinnen/Trainer- und Beraterinnen/Berater im Deeskalations- und Sicherheitsmanagement.

Nutzen – Auswirkung der gesetzten Maßnahmen

  • Schulungen beeinfussen die Geisteshaltung der Mitarbeiterinnen/Mitarbeiter, die Grundeinstellung ändert sich, der Handlungsspielraum erweitert sich, die Gesundheitsberufe agieren, bevor die Situation eskaliert
  • Gesundheitsberufe stellen sich service- bzw. patientinnenen-/patientenorientierter dar
  • Kosten werden reduziert, Fluktuation sinkt, Zufriedenheit steigt
  • Attraktivität der Gesundheitseinrichtung als sicherer Arbeitgeber steigt
  • Krankenstände gehen zurück
  • Übergriffe gehen zurück
  • Die Organisation perfektioniert ihre Rolle als attraktiver Gesundheitsversorger – für die Patientinnen/Patienten aber auch für die Mitarbeiterinnen/Mitarbeiter
  • Ebenfalls der Stadt zugeordnete Unternehmen bzw. Vereine in diesem Sektor profitieren von steigenden Anzahl geschulter und kompetenter Personen im Umgang mit Deeskalations- und Sicherheitsmanagement
  • Das Unternehmen agiert nach außen und nach innen professionell
  • Das Unternehmen bildet Trainerinnen/Trainer und Beraterinnen/Berater im Deeskalations- und Sicherheitsmanagement für das eigene Unternehmen aus. –Diese kommen direkt aus dem Arbeitsumfeld d.h. es gibt einenhohen Verständnisgrad und eine hohe Akzeptanz
  • Neue Mitarbeiterinnen/Mitarbeiter werden einheitlich an Leitlinien, Leitgedanken des Unternehmens herangeführt, die Werte des Unternehmens werden vermittelt und verankert
  • Patientinnen-/Patientenbetreuung verbessert sich in allen betroffenen Fachrichtungen
  • Im Zuge von Neuerrichtungen kann von Beginn an auf bauliche Problembereiche in Bezug auf Aggression und Gewalt hingewiesen werden. Empfehlung zu Raumstruktur, Möbel und/oder geeignete Meldesysteme können zeitgerecht eingebracht werden, was Folgekosten minimiert.
  • Stationäre Abläufe können nach Datenkenntnis adaptiert und modifiziert werden – dadurch kommt es zu mehr Sicherheit und letztendlich auch zu Zeitersparnis.
  • Der Handlungsspielraum von Führungskräften erweitern sich – steigende Professionalität, höhere Mitarbeiterinnen- und Mitarbeiterorientierung
  • Positive PR für den Dienstgeber

Kosten

Die Kosten für eine Trainerin/einen Trainer belaufen sich auf ca. 10.000 Euro. In der Ausbildung und in den Kosten integriert sind bereits eine Arbeitssicherheitsanalyse und eine supervidierte einwöchige Basiswoche (5 Tage) für 16 Mitarbeiterinnen/Mitarbeiter. (Nach einem weiteren Basiskurs sind die Kosten für die Trainerin/den Trainer defacto eingespielt). Externe Trainerinnen/Trainer mit Honorarforderungen werden nicht mehr benötigt.

Der hohe zeitliche Aufwand wird durch eine steigende Anzahl an Trainerinnen/Trainer reduziert – wodurch weitere Kosten für externe Vortragende reduziert werden.

Hier lassen sich weitere Informationen zur Ausbildung finden:

Verein Pflegenetz und Medical-Update Marketing & Media GmbH

Ausbildung Trainerinnen/Trainer

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Zum Autor

Harald Stefan, Phd. MSc ist Trainer für Sicherheits- und Deeskalationsmanagement. Er arbeitet derzeit als pflegerischer Leiter im Krankenhaus Rudolfstifung. Er steht jederzeit für Fragen und Informationen zur Verfügung.