Aggression im privaten Umfeld

Wie kommen An- und Zugehörige mit schwierigen Betreuungssituationen zurecht?

Autorin: Ilse Stefan

Aggression im beruflichen Alltag

Aggression und Gewalt gehören seit vielen Jahren zum Arbeitsalltag im Gesundheits- und Sozialwesen. Pflegekräfte, Mitarbeitende sozialer Einrichtungen und Betreuungspersonen erleben regelmäßig Beschimpfungen, Drohungen oder körperliche Übergriffe. Deshalb wurden professionelle Konzepte der Deeskalation und Gewaltprävention entwickelt, die heute Bestandteil vieler Aus- und Fortbildungen sind. Sie vermitteln Wissen über Aggressionsdynamiken, stärken Handlungskompetenz und fördern die Fähigkeit, auch in belastenden Situationen professionell und sicher zu reagieren.

Gibt es Konzepte der Deeskalation auch für Herausforderungen im privaten Umfeld?

Doch Aggression findet nicht nur dort statt, wo Menschen beruflich helfen. Sie begegnet uns ebenso im privaten Umfeld – oft täglich und meist verborgen hinter der Wohnungstür.

Mit dem demografischen Wandel übernehmen immer mehr An- und Zugehörige die Betreuung ihrer Eltern oder Partner*innen. Sie begleiten Menschen, die aufgrund von Alter, Krankheit oder Demenz zunehmend auf Unterstützung angewiesen sind. Gleichzeitig erleben die Betroffenen den Verlust ihrer Selbstständigkeit, ihrer sozialen Rollen und ihrer Kontrolle über das eigene Leben. Schmerzen, Einsamkeit, Zukunftsängste und die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit können erheblichen psychischen Druck erzeugen.

Hände

Wo entlädt sich die angestaute Frustration?

Dieser Druck entlädt sich häufig dort, wo die größte emotionale Nähe besteht. Vorwürfe, Kränkungen, Beschuldigungen oder Drohungen richten sich oft gegen jene Menschen, die für die Betreuung zuständig sind oder zur Familie gehören. Aussagen wie: „Ihr seid nur auf mein Geld aus“, „Niemand interessiert sich für mich“ oder „Ihr wartet nur darauf, dass ich sterbe“ verletzen An- und Zugehörige tief. Sie erleben diese Angriffe als persönlichen Affront, obwohl sie mit großem Engagement unterstützen. Diese Anschuldigungen können als sehr verletzend wahrgenommen werden.

Bemerkenswert ist dabei ein gesellschaftlicher Widerspruch: Würden dieselben Aussagen gegenüber einer Pflegefachkraft oder eines Mitarbeitenden einer sozialen Einrichtung geäußert, würden sie als Aggressionsereignis wahrgenommen und professionell bearbeitet werden. Im familiären Umfeld hingegen werden sie häufig relativiert. „Das meint sie/er nicht so“, „Das gehört zum Altwerden“ oder „Das ist eben die Demenz“ sind Erklärungen, die zwar nachvollziehbar sein können, für die betroffenen An- und Zugehörigen die Belastung jedoch nicht verringern.

Wie bewerten wir die erlebte Aggression?

Einsamer Mann am Meer

Aggression verändert ihren Charakter nicht dadurch, dass sie innerhalb einer Familie stattfindet. Was sich verändert, ist unsere Bewertung. Während Fachkräfte Anspruch auf Schutz, Deeskalation und Nachbearbeitung haben, bleiben An- und Zugehörige mit denselben Erfahrungen häufig allein. Ihnen fehlen sowohl die professionelle Distanz als auch das Wissen über Eskalationsdynamiken und deeskalierende Handlungsmöglichkeiten.

Durch Wissen selbstsicherer werden

Dabei zeigen die Erfahrungen aus dem Gesundheits- und Sozialwesen seit Jahren, dass Deeskalation erlernbar ist. Wer versteht, welche Bedürfnisse, Ängste und Verlusterfahrungen hinter aggressivem Verhalten stehen können, reagiert sicherer und reduziert die Wahrscheinlichkeit weiterer Eskalationen. Gleichzeitig bedeutet Deeskalation nicht, verletzendes Verhalten hinzunehmen. Sie umfasst ebenso Selbstschutz, das Setzen klarer Grenzen und die Wahrung der eigenen psychischen Gesundheit.

Gewaltprävention darf deshalb nicht an den Grenzen professioneller Einrichtungen enden. Sie muss dort beginnen, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen. An- und Zugehörige benötigen ebenso Wissen, Unterstützung und Handlungssicherheit wie Fachkräfte. Denn sie leisten einen unverzichtbaren Beitrag in der Betreuung älterer Menschen und stehen dabei häufig unter einer emotionalen Belastung, für die sie kaum vorbereitet wurden.

Deeskalation und Aggressionsmanagement als gesellschaftliche Schlüsselkompetenz

Die Zukunft der Gewaltprävention liegt deshalb nicht allein in der Qualifizierung professioneller Helfenden. Sie liegt auch darin, Familien zu stärken. Deeskalation ist keine berufliche Spezialkompetenz – sie ist eine gesellschaftliche Schlüsselkompetenz. Wenn es gelingt, Erkenntnisse aus der professionellen Gewaltprävention in das häusliche Umfeld zu übertragen, profitieren alle Beteiligten: ältere Menschen, ihre An- und Zugehörigen und letztlich unsere Gesellschaft.

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