Aggression und Gewalt im Gesundheitsbereich kennt keinen Lockdown!

Wird COVID-19 ein ständiger Begleiter in unserem Leben?

Autor: Harald Stefan

Autorin: Ilse Stefan

Wie können Fortbildungen sinnvoll organisiert werden?

Die Durchführung von Aus- und Weiterbildungsprogrammen hat sich im Jahr 2020 stark verändert. Manche Programme werden in Distance Learning durchgeführt, manche Programme sind pausiert. Deeskalationsschulungen beinhalten theoretische, interaktive, wie auch praktische Trainingsinhalte mit Körperkontakt. Aus diesem Grund wurden diese Schulungen im letzten Jahr mehrheitlich pausiert.

Fortbildungen gehören regelmäßig angeboten

Die Sorge unbedachte Schritte zu setzen, die Sorge verantwortlich gemacht zu werden für einen möglichen COVID 19 Cluster versetzte viele Organisationsverantwortliche in eine Starre und führte dazu, Aus- und Weiterbildungsprogramme stillzulegen.

Anfangs gingen die Verantwortlichen davon aus, dass diese Situation nach einer ersten Welle vorüber sei und die gewohnte Normalität in den Arbeitsprozessen weitergeführt werden könne. Doch bevor die Weiterbildungsprogramme wieder gestartet wurden, erfolgte eine weitere Welle und der Stillstand wurde prolongiert.

Wichtige Fortbildungsinhalte sind seither auf Eis gelegt. Es stellt sich die Frage, wie lange das Nichtdurchführen von wichtigen Fortbildungsinhalten vertretbar ist? Wie lange ist dies mit der Pandemie zu rechtfertigen und welche Probleme können daraus resultieren?

Denken wir an die Personalentwicklung, an Kompetenzen und Sicherheit im Setzen von Interventionen. Denken wir an den Schutz von Personal und Patient*innen. Und denken wir an die Fürsorgepflicht der Arbeitgeber*innen.

In „Normalzeiten“ wird vehement darauf hingewiesen, dass Aus- und Weiterbildungsprogramme zum Beherrschen der Kompetenzen wichtig sind (Reanimation, Brandschutz, Deeskalationsmanagement, etc.). Ist dieser Ansatz in Zeiten der Pandemie nicht mehr gültig? Ist eine drastische Reduktion von sicherheitsfördernden Fort- und Weiterbildungen zu rechtfertigen?

Stress durch Einschränkungen in unserem täglichen Leben

Aggression und Gewalt ist nach wie vor Teil unserer Arbeit. Was auffällt, ist eine Verschiebung von Aggressionsvorfällen. So häufen sich derzeit besonders bei den Eingangsbereichen der Kliniken, Geriatriezentren und Pflegeheimen Aggressionsvorfälle. In jenen Bereichen wo die Triage erfolgt und Menschen abgewiesen werden, ist das Auftreten von Wut und Entrüstung wahrnehmbar und dies wird oftmals sehr offen und laut ausgetragen.

Doch auch innerhalb der Kliniken, Geriatriezentren und Pflegeheimen gibt es nach wie vor Aggressionsvorfälle. Unser soziales Leben wird aufgrund der durch die Pandemie bedingten Maßnahmen stark eingeschränkt und dies äußert sich in erhöhtem Stress, wo Machtlosigkeit und Frustration bei einfachsten Interventionen sehr offen zu Tage treten. Oft reicht schon die Aufforderung, eine Gesichtsmaske zu tragen. Eine Forderung wird zur Überforderung und das „Fass“ geht über und führt zum Aggressionsdurchbruch.

Gewaltphänomene strukturiert und systematisch zu bewältigen stellt somit die Institutionen gerade jetzt vor eine umfassende Aufgabe.

Mann und Frau streiten

Mehr denn je wird ein professionelles Deeskalieren benötigt

Training

Die Entscheidung über notwendige Fortbildungen muss neu geführt werden und Konzepte zur Durchführung von relevanten Fort- und Weiterbildungsmaßnamen müssen neu gedacht werden. Ein „Stopp“ ist keine Lösung sondern prolongiert oder schafft andere Konfliktpotentiale und Probleme. Für die Verantwortlichen bleibt ein Abwägen des Nutzens und der Risiken:

  • Welche nachhaltigen Probleme entstehen, wenn Schulungen eine lange Zeit ausgesetzt werden?
  • Welche nachhaltigen Probleme könnten entstehen, wenn wir in Zeiten der Pandemie Schulungen durchführen?

 

Wir brauchen eindeutige Hygienekonzepte

Es bedarf klar definierter Hygienekonzepte, die beschreiben unter welchen Bedingungen Fortbildungen durchgeführt werden können.

Es braucht professionelle Hygienevereinbarungen, die den derzeitigen Anforderungen entsprechen.

Ziel ist es die Inhalte der Deeskalation, eben auch in Krisenzeiten, zu vermitteln und dies ohne Cluster zu erzeugen und Menschen zu gefährden. Das heißt Fortbildungen anzubieten, mit einem größtmöglichen Sicherheitskonzept

Das Hygienekonzept

Mann und Frau mit MNS

Einzelne Institutionen haben die Herausforderung angenommen und Hygienekonzepte für die Durchführung von Deeskalationskursen in Zeiten der Pandemie verfasst.

Diese sind ein Beitrag und wertvolle Unterstützung um Fort- und Weiterbildungen wieder in Gang zu bringen und Infektionsrisiken bestmöglich hintanzuhalten.

Hier ein Beispiel eines Hygienekonzeptes

Generelle Maßnahmen

  • Antigentest vor Beginn der Fortbildung (z.B. alle 2 Tage bei mehrtägigen Veranstaltungen)
  • Regelmäßiges Stoßlüften (mind. 5 Minuten pro Stunde) 
  • Festlegung einer dokumentierten Sitzordnung während der gesamten Fortbildungsveranstaltung 
  • Tragen einer FFP2 Maske während der gesamten Fortbildungsveranstaltung
  • Beim Betreten und Verlassen des Vortragssaals zu anderen Personen Abstand halten
  • Vermeidung von Personenansammlungen, bei denen die Distanz von 2 Metern unterschritten wird
  • Einhaltung der Händehygiene, sowie Hust- und Niesetikette
  • Beim Verspüren von Symptomen während der Fortbildungsveranstaltung, welche auf eine Infektion mit SARS CoV 2 hindeuten, sofortige Information an die Vortragende/den Vortragenden 

Zusätzliche Maßnahmen bei Übungen mit Körperkontakt

  • Vor der ersten Übung mit Körperintervention werden Gruppen eingeteilt und dokumentiert (Protokoll für Nachvollziehbarkeit führen) – diese Gruppeneinteilung bleibt für die Dauer der gesamten Fortbildungsveranstaltung aufrecht (Pärchen, 3er Gruppen, 6er Gruppen abhängig nach Art der Fortbildung)
  • Die Abstandsuntergrenze von 2 Meter wird für die Dauer von 15 Minuten nicht überschritten
  • Regelmäßiges Stoßlüften (mind. 5 Minuten pro Stunde)
  • Regelmäßige gründliche Desinfektion der Hände und Arme

So kann es gehen

Es gilt die Herausforderung anzunehmen und Vorgaben zu entwickeln, um Sicherheit für Patient*innen und Personal zu ermöglichen.

Ein Virus lässt uns nicht los
Covid 19 wird voraussichtlich ein ständiger oder wiederkehrender Begleiter sein

Akzeptieren wir!

Handeln wir!

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Zu den Autor*innen

Harald Stefan, Phd. MSc ist Trainer für Deeskalations- und Sicherheitsmanagement. Er arbeitet als pflegerischer Leiter in der Klinik Landstraße.

Ilse Stefan ist Trainerin für  Deeskalations- und Sicherheitsmanagement. Sie arbeitet als pflegerische Leitung in der Klinik Penzing.

Harald und Ilse stehen jederzeit für Fragen und Informationen zur Verfügung.