Das Virus schlägt zu

Aggression und Gewalt in Zeiten von Covid-19

Autorin: Ursula Fiala

Gibt es einen Anstieg von Aggression und Gewalt im häuslichen Umfeld?

Stellen Sie sich vor, Sie fahren in einem Zug, der immer mehr an Geschwindigkeit erlangt. 100, 150, mehr als 200 Stundenkilometer in der Minute. Die Landschaft draußen fliegt an Ihnen vorbei, plötzlich kommt es zu einer Notbremsung – in wenigen Zehntelsekunden kommt der Zug zum Stillstand. Es entsteht Chaos, dann eine gespenstische Stille.

Die Beschreibung einer solchen Notbremsung entspricht dem Lockdown am 16. März 2020. Zuvor sehr beschleunigt unterwegs, löste die Situation bei der Bevölkerung von Österreich und den übrigen Ländern eine plötzliche Schockstarre aus.

Bin ich zu Hause sicher?

Home-Schooling, Home-Office, die berufliche, wirtschaftliche und im Gesundheitssystem angespannte Situation ließen ein Ansteigen von Aggression und Gewalt im häuslichen Umfeld befürchten.

Für viele Menschen ist das eigene Heim ein sicherer Bereich, für manche gilt das leider nicht.

Die staatlich auferlegte soziale Isolation schaffte zum einen eine intensivierte räumliche Nähe zu Gefährdern und machte es gleichzeitig schwieriger, dieser Nähe zu entfliehen.

Drei Studien zu unterschiedlichen Themen sollen einen kleinen Ausschnitt des Gesamtbildes darstellen.

Frau schaut aus dem Fenster

Studie der Universität Miguel Hernández

Im April 2020 wurden 1.143 Elternpaare in einer spanisch-italienischen Studie der Universität Miguel Hernández in Elche bei Alicante telefonisch zum Verhalten ihrer Kinder befragt. Die Situation in diesen beiden Ländern war durch noch striktere Maßnahmen und Ausgangsbeschränkungen für Familien noch belastender als in Österreich und Deutschland.

Alle Eltern beschreiben, dass die Konzentration der Kinder in dieser Zeit deutlich nachgelassen hat, sie waren zappeliger und von Langeweile geplagt.

Während in der Zeit vor der Krise nur 15% der Kinder mehr als 90 Minuten pro Tag Bildschirmzeit überschreiten durften (3-18 Jährige), schnellte diese in der Zeit der Ausgangsbeschränkungen auf 73 % und mehr in die Höhe, Onlineunterricht miteingerechnet.

44% der Eltern beschrieben ihre Kinder als nervöser, 36% als unselbständiger, 40% als aggressiver, 27% als sorgenvoller, 23% der Kinder weinten mehr.

Ängste vor Infektion und Schlafstörungen wurden beschrieben.

In Italien war eine Stunde Bewegung im Freien mit Kindern erlaubt, in Spanien nicht einmal das.

Eine Folgestudie soll die Situation in ein paar Monaten neuerlich beleuchten.

Studie des Global Health Departments der Technischen Universität München

Frau sitzt

Janina Steinert, Prof. des Global Health Departments der Technischen Universität München und Dr.in Carla Ebert vom RWI-Leibnitz befragten 3.800 Frauen zwischen 18 und 65 online, bei besonders stigmatisierter (sexueller) Gewalt wurde eine anerkannt indirekte Fragemethode angewandt.

Die erste große repräsentative Umfrage zu häuslicher Gewalt während der Corona-Pandemie in Deutschland zeigte folgende Ergebnisse:

Gewalt an Frauen und Kinder

Rund 3 Prozent der Frauen in Deutschland wurden in der Zeit der strengen Kontaktbeschränkungen zu Hause Opfer körperlicher Gewalt, 3,6 Prozent wurden von ihrem Partner vergewaltigt. In 6,5 Prozent aller Haushalte wurden Kinder gewalttätig bestraft. Waren die Frauen in Quarantäne oder hatten die Familien finanzielle Sorgen, lagen die Zahlen deutlich höher.

Gezeigt haben sich körperliche Gewalt in 3,1% der Fälle, in 6,5% wurden Kinder körperlich attackiert. Sexuelle Gewalt gab es in 3,6 % der Fälle, emotionale Gewalt zeigte sich bei 3,8 % durch Bedrohung, in 2,2 % der Fälle durfte die Frauen das Haus nicht alleine verlassen, bei 4,6 % der Befragten wurden auch Online-Kontakte nach außen überwacht.

Besondere Risikofaktoren außer Quarantäne und finanzieller Sorgen waren Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit, bekannte Depressionen, Angsterkrankungen und Haushalte mit Kindern unter 10 Jahren.

Dass der Kauf alkoholischer Getränke in der Zeit des Lockdowns eklatant anstieg, wurde in diversen Nachrichtensendungen und Zeitungen gemeldet. Dass vermehrter Alkoholkonsum die Gefahr von Aggressionsdurchbrüchen und gewalttätigen Übergriffen erhöht, ist nicht neu.

Nur ein sehr kleiner Teil der betroffenen Frauen nutzte Hilfsangebote

Die Hälfte der Frauen (48,2%) kannte die Telefonseelsorge, Kontakt hatten 3,9 %, 32 % kannten die Telefonhilfe „Gewalt gegen Frauen“, angerufen haben 2,7 %, während 21,5% beim Elterntelefon Unterstützung suchten.

Nur 5,5 % Betroffene kannten die Aktion „Codewort Maske 19“, bei dem Apotheker*innen die Behörden verständigen, wenn man von Gewalt bedroht ist. 1,8 % haben diese Möglichkeit genutzt.

Diese Aktion wäre auch in Österreich wünschenswert.

Anstieg der Anrufe bei „Rat auf Draht“

Die anonyme und kostenlose Telefonberatung für Kinder und Jugendliche „Rat auf Draht“ verzeichnete einen Anstieg von Anrufen um 30%.

Die Beobachtung und Meldung durch Schulen und Kindergärten und damit eine zusätzliche Hemmschwelle der Gefährder, entdeckt zu werden, ist weggefallen.

So gesehen war die Sorge um gefährdete Kinder groß.

Jugendlicher mit blauen Auge

Weniger Kontakte zu Opferschutzgruppen in den Wiener Spitälern

Das Nachfragen in den Opferschutzgruppen in den Wiener Spitälern ergab, dass während der Zeit des strengen Lockdowns nur im AKH weiterhin Kontakte zu Opfern bestanden (wird von der Polizei angefahren). Frauen, die jetzt die Ambulanzen aufsuchen, sind häufig schwerer verletzt als vor der Pandemie. In einigen Krankenhäusern sind die Zahlen des Gesamtjahres 2019 bereits erreicht, obwohl etliche Wochen lang kein einziges Opfer behandelt wurde.

Hilfsangebote sind zu wenig bekannt

Mädchen sitzt in der Ecke

Die Erkenntnisse der Studie aus München und den Wiener Zahlen zeigen, dass Hilfsangebote noch immer zu wenig bekannt sind und im Ernstfall oft nicht genutzt werden können (Telefonkontakt nicht möglich).

Die Spitäler sind in Zeiten der Pandemie nicht niederschwellig genug, die Zugänge werden beschränkt.

Online-Hilfen über Chats und Messenger-Angebote sollten intensiviert werden und Notbetreuungsangebote müssen systemrelevant bleiben (vor allem Frauenhäuser und Kindernotbetreuungseinheiten).

Kontaktmöglichkeiten für Betroffene

Von Gewalt betroffenen Frauen in Österreich stehen Expert*innen rund um die Uhr unter den Telefonnummern 0800/222-555 und 71719 zur Seite. Eine lautlose Online-Beratung ist – parallel zur telefonischen Beratung – täglich in der Zeit von 15.00 bis 22.00 Uhr unter www.haltdergewalt.at erreichbar. Diese ist auch in den häufigsten Fremdsprachen verfügbar.

Weitere Informationen gibt es unter www.frauenhelpline.at. Für Männer steht die www.maennerinfo.at zur Verfügung.

Frau telefoniert

Erkenntnisse in Betreuungseinrichtungen für psychiatrisch erkrankte Menschen

Zwei Frauen stehen Rücken an Rücken

Ähnliche Erkenntnis gibt es in Betreuungseinrichtungen, die psychisch belastete Personen oder psychiatrisch Erkrankte betreuen.

In Zeiten von Pandemien werden nur akut betroffene Personen akutmedizinisch behandelt, ambulante und therapeutische Zusatzangebote von Psycholog*innen, Ergo-, Physio- und Musiktherapeut*innen werden völlig eingestellt.

Die Erkenntnisse dieses Lockdowns sind, dass Online-und Telefonangebote im klinischen und ambulanten Setting ausgebaut werden sollten und eine niederschwellige Nutzung möglich gemacht werden sollte. Die Leistungen müssen anerkannt und abrechenbar sein. Telefonnummern müssen markant und einfach zu merken sein und sollten im öffentlichen Leben (Verkehr, Gesundheitswesen, Ämtern usw.), aber auch online noch mehr beworben werden.

Konferenz „high noon“

Nähere Details zu diesem Blog erfahren Sie in meinem Vortrag bei der Tagung „high noon“ am 22. und 23. Oktober 2020 in Wien im Schloss Wilhelminenberg bzw. online.

Ich freue mich auf ein Kennenlernen.

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Zum Autor

Ursula Fiala ist Trainerin für Sicherheits- und Deeskalationsmanagement. Sie arbeitet derzeit im Qualitätsmanagement in der Klinik Favoriten. Ursula steht jederzeit für Fragen und Informationen zur Verfügung.