Spannungsfeld Pflegequalität und Lebensqualität

Auslöser von Aggression in der mobilen Pflege

Autorin: Maria Arbes

Das Recht auf Selbstbestimmung

Es geht um eine angemessene lebensqualitätsfördernde Umgebung und gleichzeitig um eine professionelle Pflege und Betreuung. Jeder Mensch hat ein Recht auf ein gutes Leben, hat ein Recht auf Selbstbestimmung, Freiheit und Sicherheit.

So ähnlich lautet es in den unterschiedlichsten Beschreibungen von Pflegekonzepten. Allein das bewusste Lesen und auf sich wirken lassen dieser Inhalte löst Widersprüche aus.

„Ich weiß, was gut für dich ist“ – stimmt das?

Die Beantwortung oder besser gesagt, die Beschreibung kann nur im direkten Kontakt mit dem Menschen einer Lösung nähergebracht werden. Es erfordert viel Fingerspitzengefühl, Verständnis und eine ausgeprägte Kommunikationskompetenz, um herauszufinden was Lebensqualität für den einzelnen Menschen bedeutet.

Wer kann tatsächlich die Vorstellung von dem gewünschten Leben zum Ausdruck bringen? Erleben wir nicht allzu oft, dass dies durch aggressives Verhalten aufgezeigt wird?

„Jeder pflege- und betreuungsbedürftige Mensch bleibt ein Mensch,
egal wie krank er ist. Das Bedürfnis nach Geborgenheit, Sicherheit und
sich verlassen können und das Anerkennen der Persönlichkeit sind zentrale Aspekte für die Langzeitpflege“, so Weissenberger-Leduc (2011:98-102) und „jeder Mensch möchte sich wohlfühlen und Lebensfreude empfinden können.“

Es wird deutlich, jeder Mensch sieht seine Lebenssituation und seine Umwelt anders. Schon allein deshalb, weil jedem Menschen verschiedene Dinge wichtig sind.

Eine Pflege- und Betreuungsperson ist gefordert zwischen der Lebensqualität der zu betreuenden Menschen und den eigenen Vorstellungen von der Lebensqualität kranker oder pflegebedürftiger Menschen zu differenzieren.

Die Angehörigen haben auch ihre eigenen Vorstellungen von Betreuung.

Es geht immer um die Wirklichkeit des zu betreuenden Menschen und nicht um „ich weiß, was für dich gut ist.“

Was ist Pflegequalität?

Kienzle und Paul-Ettlinger (2013:58) beschreiben, dass eine hohe Pflegequalität durch respektvolle professionelle Pflege zur Sicherheit, zum Angstabbau und zur Reduktion von physischen und psychischen Schmerzen beitragen.

Dieser sehr hohe Anspruch an die Pflege- und Betreuungspersonen, entspricht dem Ausbildungsniveau der diplomierten Pflegepersonen. Im mobilen Bereich hat die Berufsgruppe der Heimhilfe den größten Anteil, vor der Pflegeassistenz und den Diplomierten Pflegepersonen.

Alter Mann hält einen Ball

Es gibt in der Pflege vier Pflegequalitätsstufen

Intensivunit
  • Gefährliche Pflege = Maßnahmen werden unterlassen oder falsch ausgeführt• Gefährliche Pflege = Maßnahmen werden unterlassen oder falsch ausgeführt
  • Notwendige Pflege (Routinepflege) = Pflege wird gerade so ausgeführt, dass sie nicht gefährlich ist.
  • Angemessene Pflege = Pflege ist den Bedürfnissen des kranken/alten Menschen angepasst.
  • Optimale Pflege = Pflege bezieht den Betroffenen und sein Umfeld mit ein.

Lebensqualität oder Pflegequalität?

Im Alltag der mobilen Dienste gibt es ein ständiges hin und her in diesen Pflegequalitätsstufen.

Was ist realisierbar, was ist möglich, was kann und darf nicht sein. Insbesondere der Bereich der gefährlichen versus notwendigen Pflege löst enorme Unsicherheit aus.

Es gibt immer wieder Menschen, die wollen nicht gepflegt bzw. betreut werden, obwohl ihre Gesamtsituation es erfordern würde. Es gibt Menschen, die leben unter relativ gefährlichen Umständen.

Was ist nun zu tun? Auf die Lebensqualität achten oder auf die Pflegequalität?

Alter Mann steht beim Fenster

Wer beauftragt die Betreuung?

Hand von altem Mann

Wie ist es wirklich um die Selbstbestimmung und Freiheit von Menschen bestellt, die von mobilen Diensten betreut werden.

Wurde die mobile Pflege und Betreuung durch Angehörige beauftragt, oder aufgrund der dringenden Empfehlung des Krankenhauses?

Allzu oft wird in den wenigsten Situationen die Betreuung direkt durch die betroffene Person beauftragt.

Was ist, wenn der Mensch sich gar nicht als krank und/oder pflegebedürftig sieht?

Wie gelingt professionelle Pflege bei unterschiedlichen Vorstellungen

Wie kann professionelle Pflege gelingen, wenn der „pflegebedürftige Mensch“ andere Vorstellungen von seiner Pflege oder Betreuung hat?

Beachtenswerte Impulse für das Gelingen sind:

  • Pflege ist immer eine kommunikative Handlung, die einer zwischenmenschlichen vertrauensvollen und verständnisvollen Beziehung bedarf.
  • Menschen wollen ernstgenommen, gehört und gesehen werden.
  • Anbieten von Entscheidungs- und Wahlmöglichkeiten steigert das Selbstbestimmungsempfinden.
  • Fürsorge zeigen, indem das gewährt wird, was dem anderen Menschen guttut und ihm nützt.
  • Erkennen von potenziellen Gefahren. Risiken eines physischen und psychischen Schadens minimieren. Handeln bei Erkennen einer Gefährdung der Gesundheit.
  • Aneignen von umfangreichem Wissen über Aggression und über deeskalierendes Verhalten.
  • Stärkung von Selbstschutz und Selbstbewusstsein im Umgang mit Aggression und Gewalt, Abbau von Angst.
  • Ein wertneutrales Verhalten zeigen – keine Bewertung und Beurteilung der Person.
  • Bewältigendes proaktives Verhalten bei Grenzüberschreitungen, Aggression und insbesondere Gewaltanwendungen.

Spannungsfeld

Im Spannungsfeld Lebensqualität und Pflegequalität kann es zu Differenzen, zu Konflikten und sogar zu aggressiven und auch gewalttätigen Verhaltensweisen kommen um Erwartungen, Einstellungen und Abwehr durchzusetzen.

Das Abklären und Erklären von notwendigen Erfordernissen, von Vorgaben und von den Möglichkeiten die mobilen Dienste leisten können, stellt enorme Anforderungen an die Pflegepersonen.

Erleben von Aggression

Pflege- und Betreuungspersonen erleben immer wieder, dass aggressives Verhalten ein Gefühl von bedroht sein, angegriffen werden oder auch verletzt werden auslöst.

Es werden dadurch unbewusst Abwehrreaktionen ausgelöst und es entstehen Ängste. Schutzmechanismen werden entwickelt, um mit Aggression und Gewalt irgendwie umgehen zu können, verschiedene Vermeidungstaktiken werden angeeignet oder unangemessene Verhaltensweisen gezeigt.

Es gibt auch noch immer die Auffassung, dass Aggression und Gewalt zu ertragen bzw. auszuhalten sei und darüber nicht gesprochen werden soll.

Lebensqualität und Pflegequalität

Das Spannungsfeld Lebensqualität und Pflegequalität ist und bleibt sehr spannend.

Zusammenfassend gibt es zwei wesentliche Aussagen und Verhaltensweisen, die eine Reduzierung der Spannungen bewirken können.

„Wir nehmen die Welt so wahr, wie wir es gewohnt sind sie wahrzunehmen und
wie leicht es uns fällt dies zu verarbeiten.“
Hausmann (2014:27–33)

„Das Vertrauen zueinander, braucht die Achtung voreinander.“

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Zur Autorin

Maria Arbes ist Trainerin für Sicherheits- und Deeskalationsmanagement. Maria steht jederzeit für Fragen und Informationen zur Verfügung.